Regionen und Länder

Antimilitaristische Feministinnen in der Türkei

Wir möchten in diesem Artikel aufzeigen, welches gesellschaftliche Erbe die heutige Frauenbewegung in der Türkei vermacht bekommen hat und welche Pfade wir als antimilitaristische Feministinnen (An-Fem) daraus suchen.

Von der Zeit des Osmanischen Reiches bis zur heutigen Republik Türkei bestimmen Gewalt und Militarismus alle Lebensbereiche. Durch die Haltung der Osmanischen Führung und den Einfluss des Islam waren die Frauen bis zur Jahrhundertwende im gesellschaftlichen Leben unsichtbar. Studien der vergangenen Jahre zeigen jetzt, dass es bereits im Osmanischen Reich eine organisierte Frauenbewegung gab und diese -trotz einigen Unterbrechungen- eine Kontinuität bis heute hat. Den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Zeit entsprechend thematisierte die Frauenrechtlerinnen verschiedene Inhalte und Forderungen. Zu Beginn versuchten sie ihren Forderungen öffentlichen Raum zu verschaffen, in dem sie Zeitschriften gründeten. Damals, gegen Ende des Osmanischen Reiches, trat mit Nezihe Muhiddin eine erste Führungspersönlichkeit in den Vordergrund, die sich öffentlich zu ihrer feministischen Identität bekannte. Sie setzte ihre Bemühungen nach Gründung der türkischen Republik fort, da die vom republikanischen Regime für die Frauen und trotz der Frauen erdachten Regelungen, nicht dem entsprachen was Feministinnen forderten.

Die Türkische Republik hat u.a aufgrund der Identität ihres Führers, eine ungeschliffene militaristische Ausprägung und einen Hang zur westlichen Moderne. Das staatsideologisch begründete Bemühen um westliche Standards zeigte sich nach der Republikgründung u.a. darin, dass Frauen veranlasst wurden, in öffentlichen Bereichen aufzutreten. Es waren besonders die Befehle Mustafa Kemals, mit denen Frauen in das aktive öffentliche Leben gehievt wurden, um ein westlich-modernes Schaufenster zu schaffen. Eine Anekdote mag das illustrieren. Auf einem Ball mit diplomatischen Vertretern verschiedener Staaten tanzten die anwesenden türkischen Frauen nicht. Die osmanisch und islamisch geprägte Tradition war mit dem westlichen Gesellschaftstanz nicht vertraut. Verärgert über die Frauen soll Mustafa Kemal: “Frauen, auf zum Tanz! Marsch. Marsch.” befohlen haben.

In diesem Land, in dem der Unterschied zwischen zivil und militärisch verwischt ist und alle qua Geburt als Soldaten gelten, kennzeichnet Sabiha Gökcen wohl am auffälligsten das Verhältnis zwischen Frauen und Armee. Sabiha ist eine von unzähligen sog. Adoptivtöchtern M. Kemals, die wohl von allen die engste Beziehung zur Armee hatte. Protegiert von M. Kemal erlernte sie die Fliegerei und beteiligte sich in den dreissiger Jahren an der Niederschlagung des kurdische nAufstands in Dersim. Sie errang dort den Titel: “erste Kriegspilotin der Welt” und versuchte danach beharrlich, in die Armee eintreten zu dürfen. Trotz ihrer “überragenden Leistungen” wurde sie als Frau aber nicht aufgenommen. Als im vergangenen Jahr in der Regierung der Vorschlag diskutiert wurde, Frauen in die Armee zwangszurekrutieren, war das nur als dreimonatiger “Unterstützungsdienst” gedacht.

Bis heute bleibt es für die Frauen, ob sie in die die Armee aufgenommen werden oder nicht, schwer, ihre Existenz im öffentlichen Leben zu behaupten. Aber auch unsere Erfahrungen in links-oppositionellen Kreisen zeigen, wie der gesellschaftliche Einfluss des Militarismus wirkt. Oft werden Bedürfnisse und Forderungen von Frauen in Gruppen, die sich Gleichberechtigung und Freiheit auf die Fahnen schreiben, ignoriert. Männer, die das öffentliche Leben bestimmen, lassen uns Frauen als “Menschen zweiter Klasse” wahrnehmen. Wir erleben es, in gemischten Gruppen angeklagt zu werden, wenn unsere feministische Identität in den Vordergrund tritt und wir unsere Forderungen zur Sprache bringen. Das auch in der aktuellen Frauenbewegung sich eine “männliche” Art von Politikverständnis durchsetzt, stellt für uns eine bedauerliche Fortsetzung des Problems dar.

Unsere spezifischen Haltungen zum Antimilitarismus und Feminismus resultieren aus der militaristischen Kultur und An-Fem wurde als Ergebnis dieser Geschichte gegründet. Die meisten von uns kommen aus der antimilitaristischen Arbeit, einige andere stammen aus anderen Zusammenhängen, die sie aufgrund von Diskriminierung verlassen haben. Für uns ist Antimilitarismus ein wichtiger Bestandteil des Feminismus und deshalbe haben wir diesen Begriff in unseren Gruppennamen aufgenommen. Wir wollen uns an der politischen Tagesordnung mit unserem eigenen Stil und mit gewaltfreier Methode beteiligen, weil uns die sog. gleichberechtigten und freiheitlichen, jedoch in der Praxis Gewalt und Zwang erzeugenden -staatlichen oder links-oppositionellen Methoden den Lebensraum verwehren. Wir suchen nach einem Weg ausserhalb aller Mechanismen, die uns behindern und uns nicht als das akzeptieren, was wir sind. Diese Suche lässt uns den Militarismus hinterfragen, weil unser Feminismus unvollständig bleibt, wenn es uns nicht gelingt, die Gewalt aus unserem Leben auszusperren. Wir nehmen den Militarismus nicht hin, weil er uns als Menschen zweiter Klasse abstempelt und das Patriarchat in verschiedensten Formen reproduziert.

Unsere Begeisterung für Zukunftsprojekte macht uns nicht blind für die schweren Bedingungen unter denen wir leben. Im Gegenteil: Wir sind uns bewusst, dass unser Weg steinenreich und die Mentalität, gegen die wir antreten, tief verwurzelt und mächtig ist. Aber wir verweigern uns der “männlichen” Wahrnehmung, die uns, unseren näheren Umkreis und die Gesellschaft infiltriert. Wir sind realistisch genug zu sehen, dass dieses Unterfangen schwer und der Weg lang ist. Der Weg fängt in uns selbst an. Ein Problem zu kennen und zu definieren ist oft nicht ausreichend, um es zu lösen. Wir stellen unsere Widersprüche und Angewohnheiten an die erste Stelle und je mehr wir unsere Angewohnheiten hinterfragen, umso mehr stellt sich heraus, wie schwer der eingeschlagene Weg ist. Wir setzen eine Priorität darauf, uns selbst zu entdecken und auszusprechen und die Widersprüchen in gemischten und in Frauengruppen aufzudecken. Mit gewaltfreien Methoden stellen wir uns gegen Militarismus, der auf Gewalt und Diskrimminierung fusst und so ist ein wichtiges Ziel, die feministische Perspektive im Verein der KriegsgegenerInnen Izmir (ISKD) zu verwurzeln; ein Verein, der ausdrücklich gewaltfrei Politik betreibt, aber auch seine Mängel und Widersprüche hat.

Wir sind eine relativ kleine Gruppe. Aus einem schönen Zufall heraus haben alle Frauen in der Gruppe eine enge Beziehung zur Kunst (Zeichnen, Bildhauerei, Theater, Kino, Photografie, Musik). Diese private, für manche gar professionelle Beschäftigung hilft uns, feministische Politik auch aus anderen Perpektiven zu entwickeln. Der kreative Charakter der Kunst mag ein wichtiger Grund sein, warum wir uns nicht mit zerstörischer Gewalt abfinden wollen. Wir glauben, dass kreative und produktive Prozesse mit Gewalt unvereinbar sind. Unser feministischer Blickwinkel beeinflusst unsere Kunst und umgekehrt.

Ein wichtiges Feld für neue Erfahrungen sind gewaltfreien Trainings, die wir gemeinsam mit dem ISKD organisieren. Wir lernen gewaltfreie Methoden und versuchen sie an unsere Realität anzupassen. In gruppeninternen Seminare, erarbeiten wir mithilfe von Quellen eine theoretische Basis. Wir diskutieren dort aber auch Probleme, wie z.B. die Schwierigkeit vor einer Gruppe zu reden, besprechen Gefühle und Spannungen und versuchen Abhilfe zu schaffen. Im vergangen Jahr waren folgende Aktivitäten wichtig:

- In der Gründungsphase haben wir uns mit dem Banner “Eine Revolution, in der ich nicht tanzen kann, ist keine Revolution” an der Demonstration zum 8. März beteiligt. Wir waren dort die einzige unabhängige Frauengruppe.

- Wir beteiligen uns an nationalen und internationalen Plattformen wie dem “Globalen Frauenmarsch” und dem III: Frauenkongress in Istanbul

- Wir waren mit verschiedenen Frauengruppen im Kontakt, um Reaktionen gegen den Gesetzentwurf zur Rekrutierung von Frauen zu koordinieren und um die Frauenrechtlerinnen zu unterstützen, die Vergewaltigungen in Polizei und Armee anklagen.

- Im Juli 2000 haben wir mit kurdischen, deutschen und türkischen Frauen das “Bafa Frauentraining” durchgeführt. Im Training thematisierten wir die Organisation von unabhängigen Frauengruppen, Konkurrenz unter Frauen und organisierten ein Planspiel zur internationalen Zusammenarbeit.

In der nahen Zukunft möchten wir eine Plattform für Frauen gründen, die politisch in verschiedenen Organisationen aktiv sind, sich aber nicht in der Rolle als deren Stellvertreterinnen sehen. Im Sommer diesen Jahres möchten wir einen Frauenurlaub mit Zeit für Phantasie, Reflektion und Politik anbieten und im Herbst beteiligen wir uns an dem internationalen Kongress Friedens- und Frauenbewegung in der Türkei.

Ferda Ülker für Antimilitaristische Feministinnen, (An-Fem)

Ferda Ülker ist Theaterwissenschaftlerin, Gründungsmitglied von ISKD und An-Fem und arbeitet seit März 01 halbtags als Basisarbeiterin im ISKD.