Regionen und Länder

Erfahrungen aus der interkulturellen Frauenbildung

Im November 1999, Februar und Juli 2000 fanden in der Türkei und in Deutschland drei Frauenseminare statt. Sie waren nicht als zusammenhängendes Bildungsprogramm geplant und hatten verschiedene Inhalte. Ihre Ergebnisse aber weisen viele Gemeinsamkeiten auf: Bei den Teilnehmerinnen wuchs das Verständnis für Frauen in anderen Lebenslagen und Kulturen und dadurch auch für die eigene Situation. In den Seminaren trafen sich Frauen, die an verschiedenen Orten für ihre Ziele kämpfen und arbeiten. Der Blick über den eigenen Tellerrand hat sie motiviert und gestärkt in ihre Arbeit zurückkehren lassen.

Das erste Seminar in Izmir hatte zum Ziel, einen Einblick in die verschiedenen Initiativen von und für Frauen in der Türkei zu erhalten. Insbesondere die Situation von geflüchteten Frauen war Gegenstand der Gespräche mit Menschenrechtsaktivistinnen. Die Berichte der Aktivistinnen fanden Eingang in ein Bildungsmaterial, das die Frauenprojektgruppe des DFG-VK Bildungswerkes NRW erarbeitete. Das Bildungsmaterial (s. Kasten) richtet sich an Frauen in Deutschland, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind.

Im Februar 2000 wurde in einem Seminar in Deutschland das Konzept dieses Materials das erste Mal erprobt. Dort nahm eine Frau teil, die im November bereits mit in die Türkei gereist war. Auf die Frage nach ihren Eindrücken aus den beiden Veranstaltungen berichtet sie: "Einen persönlichen Kontakt zu knüpfen, zu sehen, was andere tun und wie, hat mich sehr motiviert. In der Arbeit mit MigrantInnen in Deutschland fühle ich mich oft isoliert. In Izmir hatte ich das Gefühl, damit nicht allein zu sein, sondern zu sehen und zu hören, dass sich andere unter viel schrecklicheren Bedingungen engagieren. Das hat mir für meine Arbeit in Deutschland und mir persönlich sehr gut getan."

In der Bildungsveranstaltung in Deutschland war es besonders eine Übung, die sie beeindruckte: die Frage nach der eigenen Herkunft. Auch bei vielen deutschen Teilnehmerinnen liegen Migrationserfahrungen vor. Bei einigen sind es Vorfahren, die aus anderen Ländern kamen, bei anderen die Flucht während des Krieges, oder auch derUmzug in ein anderes Bundesland. Sich die eigenen Erfahrungen mit Flucht und Fremdheitsgefühlen bewusst zu machen, half, Empathie für Flüchtlingsfrauen zu entwickeln.

Im letzten Seminar, im Juli 2000 am Bafa See bei Milas, nahm das Thema interkulturelles Verstehen einen breiten Raum ein. Eingeladen zu den fünf Tage in der Türkei hatten die Antimilitaristischen Feministinnen (s. Artikel S. BITTE SEITENZAHL EINTRAGEN). Was können Antimilitaristinnen voneinander länderübergreifend lernen? und wie können sie sich besser organisieren? waren zwei leitende Fragen des Seminars. Es war besonders wichtig, nicht nur zu debattieren, sondern auch die Gefühle der zunächst "nur" politischen und fremden Menschen kennen zu lernen. Anhand des Themas "Konkurrenz zwischen Frauen", wurde vielen Teilnehmerinnen klar, dass ihre Kulturen doch nicht so unterschiedlich sind, wie es zunächst durch die mangelnde Verständigung aufgrund der fehlenden gemeinsamen Sprache schien.

Der Dialog zwischen den Kulturen wurde durch Methoden aus der Trainingsarbeit erleichtert. So schreibt eine Teilnehmerin: "Die verschiedenen Befindlichkeitsrunden, das Aussprechen von Erwartungen und Ergebnissen halfen besonders, die eigene Situation für sich abzuklären und bei den anderen zu erkennen, wo sie stehen. Die Übersetzungen gaben Zeit und Raum, Inhalte noch einmal zu überdenken. Die Mehrsprachigkeit war kein Hemmnis, sondern eine Bereicherung. Der internationale Rahmen war eine Garantie für besondere Geduld und Verständnis meinerseits und von anderen. Der Horizont von Erwartungen erweiterte sich und war breiter angelegt als im nationalen Rahmen. Die Methode "Statuentheater" bündelte die Auseinandersetzungen mit Gewalt gegen Frauen und führten die Körpersprache als weitere Sprache sozusagen ein."

So verschieden die Seminare und ihre Inhalte waren, hat sich doch wieder erwiesen, dass Frauen angebotene Räume nutzen, um sich gegenseitig zu stärken, sich weiter zu entwickeln und Neues zu planen, und das auch in internationalen Kooperationen.

Ann-Kristin Kröger, Jg. 1971, Diplompädagogin, Trainerin für gewaltfreies Handeln, sie arbeitet seit 11.99 beim ISKD

Bildungsmappe: Interkulturelle Sensibilisierung für die Arbeit mit Flüchtlingsfrauen

Anknüpfend an langjährige Trainingsarbeit und Erfahrungen mit Flüchtlichgsfrauen entwickelte die Frauenprojektgruppe des DFG-VK Bildungswerkes NRW ein Bildungsmaterial. "Zentrales Anliegen des Materials ist es, Fragen und Probleme, die in der Arbeit mit Flüchtlingsfrauen auftreten, zu reflektieren, Wissen über kulturelle, politische und psychologische Zusammenhänge zu vertiefen und sich gemeinsam zu stärken."

Die Bausteine, zu Themen wie

Sensibilisierung für unbewusste Bilder in der Begegnung mit Flüchtlingsfrauen

Hintergründe und aktuelle Situation von Flüchtlingsfrauen

Auswirkungen von Gewalt, Folter und Traumatisierung

Was kann ich tun, um mich in der Unterstützung selbst gesund zu halten?

beruhen u.a. auf "Texten und Interviews, die psychologische, juristische und politische Aspekte dieser Arbeit behandeln und authentische Erfahrungen von Frauen in der Türkei und in Deutschland widerspiegeln."

Das Material ist in der Bildungsarbeit einzusetzen und enthält einen Serviceteil mit weiterführenden Literaturangaben und praxisrelevanten Adressen.

Es kann zu einem Preis von 29,80 plus Porto bestellt werden beim:

DFG-VK Bildungswerk NRW e.V.

Braunschweiger Str. 22, 44 145 Dortmund

Tel.: 0231-818032, Fax: 0231- 818031

Email: DFG-VK_Bildungswerk_NRW@t-online.de