Regionen und Länder

Ein „politischer Reisebericht“

Radiobeitrag von Melanie Stamer, gesendet am 01.12.99 über das Freie Sender Kombinat Hamburg


Anlaß für eine interkulturelle Begegnung in der Türkei in der vergangenen Woche war der 25.11., der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Er begründet sich auf der Vergewaltigung und Ermordung von 3 Frauen aus der Dominikanischen Republik, die vom militärischen Geheimdienst am 25.11.1960 verschleppt, vergewaltigt und ermordet worden sind, als sie politische Gefangene besuchen wollten.


1981 wurde auf einem Treffen lateinamerikanischer und karibischer Feministinnen dieser Frauen gedacht und der 25.11. zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen ausgerufen. Seitdem wird dieser Tag, z.B. von Terres des Femmes als Aktionstag für Protestveranstaltungen und andere Aktivitäten genutzt.


Aus diesem Anlaß war ursprünglich in der Türkei- genauer Izmir- ein Frauenkongreß geplant zum Thema „Frauen und Gewalt im interkulturellen Vergleich“. Aus finanziellen Gründen konnte der aber leider nicht stattfinden. So wurde es „nur“ eine kurdisch- türkisch-deutsche Begegnung.


Organisiert wurde diese von den Frauen des ISKD ( Verein der KriegsgegnerInnen), der DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen) und der Kurve Wustrow.


Der ISKD wurde ca. 1993 gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, keine Art von Krieg zu unterstützen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuwirken. Zielgruppen des ISKD sind die türkische und kurdische Bevölkerung, unabhängige Organisationen und der Staat gleichermaßen. Die Aktionsformen, die die Aktiven wählen, sind in der Türkei bisher weniger verbreitet: Straßentheater, unsichtbares Theater und die konsequente Kriegsdienstverweigerung gehören dazu.


Zur Zeit gibt es ca. 30 Männer, die öffentlich den Kriegsdienst. verweigert haben. Osman, saß schon von Okt 96 bis März `99 in verschiedenen Gefängnissen, ist jetzt frei, kann aber jederzeit wieder verhaftet werden. Zwei weitere haben bereits ihren Einberufungsbefehl erhalten und rechnen ebenfalls jederzeit mit ihrer Verhaftung. Spätestens im März /April 2000 wird es soweit sein.


In der letzten Woche trafen wir nicht nur mit den Frauen des ISKD`s zusammen, sondern auch noch mit einigen anderen Frauengruppen oder Organisationen, die sich für Menschenrechte, Frauenrechte einsetzen, Flüchtlinge, Folteropfer betreuen.


Das, was wir erfuhren, war uns nicht unbedingt neu, erhielt aber durch die persönliche Begegnung eine ganz neue Dimension.


Während Frauen unter „normalen“ Bedingungen in vielen Bereichen mit Diskriminierung und Gewalt konfrontiert sind, sind sie unter Bedingungen eines Krieges in besonderem Maße einer grausamen Realität ausgesetzt. Besonders in traditionellen Familien ist es so, daß die Frauen ihrem Mann zu gehorchen haben, wenn es den nicht gibt, dann einem anderen Mann.


Gewalt an Frauen ist immer noch ein großes Tabu Thema, auch wenn schon lange darum Diskussionen geführt werden, so erreichen diese Diskussionen ja auch nicht alle. Viele betroffene Frauen trauen sich auch nicht, sich an entsprechende Einrichtungen zu wenden, die hier juristische, medizinische, psychologische Hilfe leisten könnten. Viele Menschen, die Gewalterfahrungen ,Folter durchgemacht haben wenden sich erst sehr viel, manchmal Jahre, später an Stellen, von denen sie Hilfe bekommen können.


Seit ca. einem Jahr gibt es in der Türkei ein Gesetz im Familienrecht, welches besagt, das der Mann, der gegen seine Frau Gewalt anwendet, die Familie verlassen und Unterhalt zahlen muß. Dies soll auch von der Polizei kontrolliert werden. Dazu muß das aber der Polizei bekannt gemacht werden und die Polizisten müssen sich dementsprechend verhalten. In der Realität sieht es noch so aus, dass nur ein Bruchteil der Fälle angezeigt wird und die Polizei eher zu schlichten versucht, als die Frau vor weiteren Vorfällen zu schützen, indem sie den Mann von ihr entfernen. Die Polizisten sollen zwar gegebenenfalls begründen, warum sie dem nicht so nachgehen, wie neuerdings vorgeschrieben ist. Ob das ausreicht, ist aber ungewiß.

Dies haben sich auch einige Juristinnen aus Izmir gesagt und mit PolizistInnen ein Seminar veranstaltet, um ihnen die Situation der Frauen näher zu bringen. Sie arbeiten weiter daran.


Vertriebene Frauen sind, wie gesagt, noch weitaus stärkerer Gewalt ausgesetzt. Nicht nur, daß sie ihr zu Hause aufgeben müssen, von ihren FreundInnen und Familien getrennt werden, sie werden, wenn sie ins Gefängnis kommen, vergewaltigt und anders gefoltert.


Was uns alle sehr beeindruckt hat, war die Stärke der Frauen, die derartige Erfahrungen gemacht haben und trotzdem nicht aufgeben, sondern sich gerade deswegen für Frieden einsetzen. Daß es in der Türkei immer mehr Frauen gibt, die den Mut und die Kraft haben, sich mit der Gewalt gegen Frauen und überhaupt mit Antimilitarismus auseinanderzusetzen.


Die ökonomische Lage der Frauen dort läßt eigentlich vermuten, daß nach einem 11stündigen Arbeitstag, ca 7 Tagen Urlaub in einem Jahr, nicht noch Energie bleibt, sich diesen Bedingungen zu widersetzen , andere Überlebenstrategien zu entwickeln.

In dem von uns anvisierten Seminar „Frauen und Gewalt“ im Frühjahr/Sommer 2000 soll es darum gehen die patriarchalen Gesellschaftsstrukuren zu analysieren und gegebenenfalls zu vergleichen, einen speziellen Blick auf Frauen in Kriegsgebieten und im antimilitaristischen Widerstand zu werfen. Auf jeden Fall wollen wir Handlungsmöglichkeiten entwickeln.


Zum Schluß möchte ich noch sagen, daß mich diese Woche Izmir, vielmehr die Menschen, die ich dort getroffen habe, sehr beeindruckt haben und mir auch gut getan haben, da so eine Begegnung deutlich zeigt, mir zumindest, das ein Austausch über die politische Arbeit, die mensch macht, sehr anregend sein kann.