Regionen und Länder

Rundbrief Nr. 1

 

 

Izmir, den 07.12.1999

Liebe FreundInnen, Verwandte, PatInnen, Interessierte,

"Alte und Kinder inbegriffen werden sämtliche Einwohner auf dem Dorfplatz versammelt und von den Soldaten verprügelt. Dem Dorf wurde ein Tag Zeit zur Leerung gegeben, wonach 20 Einwohner, darunter Alte festgenommen wurden."

Der Sachverhalt ist ja klar, denke ich, und versuche die Übersetzung vom türkischen ins deutsche zu korrigieren. Also neu: "Sämtliche Einwohner, Alte und Kinder inbegriffen, mußten sich auf dem Dorfplatz versammeln". Ist "versammeln" das richtige Wort? Ich versuche, mir die Situation vorzustellen. Sind sie nicht eher getrieben worden, statt sich ruhig zu versammeln? Ist es eine Frage der Übersetzung oder hat der Journalist der prokurdischen Zeitung Ülkede Gündem in seinem Artikel vom 29.03.98 eine verharmlosende Sprache gewählt? Ich frage Ossi, der schlägt erst im Original, dann noch mal im Wörterbuch nach. "Einsammeln" ist die wörtliche Übersetzung. Also bleibt es bei "versammeln".

Ich korrigiere das Buch, in dem der ISKD in den letzten eineinhalb Jahren Menschenrechtsverletzungen des Militärs dokumentiert hat. Ein kleinerer Teil der Aufgabe, für die wir nach Izmir gekommen sind.. Ein Teil, der einen Einblick ermöglicht, denn es folgen dutzende Beispiele, die im Abstand von Tagen geschehen sind. Es bleibt aber nicht dabei, über Menschenrechtsverletzungen zu lesen. Sie sind Teil des politischen Lebens und quasi jede/jeder kann betroffen sein. Natürlich wird nicht sofort darüber gesprochen, aber bereits die Treffen deutscher Frauen mit Betroffenen zeigen die schreckliche Bandbreite auf.

Das alles scheint im Widerspruch zum unserem Leben zu stehen. In einer bürgerlichen Wohngegend haben wir eine schöne Wohnung bezogen und können unserer Arbeit nachgehen und die Sprache lernen.

Seit Anfang November leben und arbeiten wir in Izmir beim Verein der KriegsgegnerInnen und geben mit unserem ersten Rundbrief einen Überblick über den Verein und seine Aktivitäten. In zukünftigen Rundbriefe werden wir ein oder zwei Themen genauer darzustellen. Wer jetzt schon einen tieferen Einblick haben möchte, kann Artikel, die wir geschrieben haben, auf zwei Web-Seiten einsehen (s.u.) oder im Hamburger Büro bei Katharina Schulz bestellen.

… aus dem Verein

Durch die dauernd drohende Verhaftung von KDVern ist im ISKD zu diesem Thema eine scheinbare Lähmung entstanden. Eine Verhaftung wird die gesamte Energie der Aktiven in Anspruch nehmen. Deshalb fällt es schwer, andere Aktivitäten langfristig zu planen. Ernst wird es spätestens im Mai, wenn Vedat Zencir eine Entscheidung über seine Einberufung fällen muss.

Kulturell/politische Aktivitäten werden von der Theater- und der Kinogruppe aufrechterhalten. In diesen Tagen probt die Theatergruppe ein Stück unter dem Titel "Helm". Im Mai das erste Mal aufgeführt, üben jetzt neue SpielerInnen ihre Rolle. Ein weiteres Stück zum Thema Kriegsdienstverweigerung ist in Planung und die Proben sollen noch in diesem Jahr beginnen.

Die Kinogruppe zeigt im November und im Dezember vier verschiedene Filme mit antimilitaristischen Inhalten

Frauen

Zur Frauenwoche "Gewalt gegen Frauen im interkulturellen Vergleich" vom 25.11 bis 2.12. sind drei Frauen aus der KURVE, zwei aus dem DFG-VK Bildungswerk NRW in Dortmund und eine von IPPNW nach Izmir gekommen. Am ersten Sonntag wurde mit einem unsichtbaren Theater auf das Thema "Gewalt in Beziehungen" in einem Szenecafe aufmerksam gemacht.

Einen Abend lang wurden Gewaltsituationen gegenüber Frauen kontrovers diskutiert. Die restliche Zeit wurde die bisherige Zusammenarbeit ausgewertet, das weitere Vorgehen geplant und die deutsche Frauengruppe besuchte sechs Menschen- und Frauenrechtsorganisationen.

Erfolgreich war der Besuch u.a., weil wir nach der einjährigen Organisationsarbeit für den Frauenkongress, inhaltlich gearbeitet haben und persönliche Kontakte entstanden. Für den kommenden Juni wurde ein gemeinsames Frauenseminar mit folgenden Themen geplant:

Frauen in antimilitaristischen Organisationen

Analyse von Gewaltsituationen mit Männern und Frauen in diesen Organisationen

Austausch von Erfahrungen und Strategien.

Schön war natürlich, dass mit der Frauenwoche der Besuch von Katja, Melanie und Katharina aus der KURVE Wustrow verbunden war. Es war gut, schon im ersten Monat liebe Freundinnen um uns zu haben.

…und keiner geht hin

Unsere Lebenssituation ist, wie die Stimmung im Verein, mit der Situation der Kriegsdienstverweigerer verbunden. Wir wohnen mit einem KDVer zusammen und haben viele Möbel von einem erhalten, der aus Sicherheitsgründen seine Wohnung aufgeben musste. Wir verfolgten den Schlusspunkt dieser schweren Entscheidung, die den Beginn einer anstrengenden Wohnungslosigkeit in verschiedenen Städten bedeutet.

Es zeigt sich deutlich, dass diejenigen, die Anfang der neunziger Jahre ihre Kriegsdienstverweigerung oeffentlich erklärten, stets KDVer bleiben und das auch eine Zeit im Gefägnis sie nicht von der Militärpflicht befreit. Eine Last, die für die Gruppe und die KDVer schwer zu tragen ist. Schwerer als Anfang der neunziger, weil der Druck von Seiten des Staates die Menschen mehr und mehr entpolitisiert und eine breite Unterstützung ausbleibt. In diesen Monaten wird über eine neue Strategie beraten, um im Frühjahr gemeinsam handeln zu koennen.

Wir und WG

Türkisch, türkisch und nocheinmal türkisch lernen. Damit ist unsere Hauptbeschäftigung schnell umrissen. Alltagsfloskeln können wir schon ganz gut. Bei einer sonntäglichen Bergwanderung mit zwei geduldigen Türken wurde sogar fast nur türkisch und (zur Beseitigung von Missverständnissen) englisch gesprochen. Die ersten paar Tage haben wir bei einem Freund gewohnt, und in unserer Wohnung ein paar Sachen repariert und sie schön eingerichtet. Es läuft gut und harmonisch mit unserem Dreiergespann, Ossi, Ann-Kristin und Jörg.

Unsere Arbeit bestand im ersten Monat vor allem daraus, zu beobachten und zu berichten. Für Ann-Kristin standen die letzten Tage des Monats November im Zeichen der Frauenwoche. Aus unserer gemeinsamen Arbeit sind folgende Artikel entstanden:

Ein Artikel über die Frauenwoche im KURVE Rundbrief von Ann-Kristin

Ein Artikel in der Zivilcourage (Mitgliederzeitschrift der DFG-VK) zur Situation der KDVer von Jörg

Ein Artikel in Kirik Tüfek (monatlicher Rundbrief zum Thema Antimilitarismus in der Türkei) über die Frauenwoche und über die Situation der KDVer von Ann-Kristin und Jörg.

(Die Artikel finden sich unter www.bundeswehrabschaffen.de oder Fehler! Textmarke nicht definiert..

Für die kommenden Wochen haben wir folgende Aktivitäten geplant:

Ein Abend, an dem wir unsere Arbeit in der KURVE Wustrow und in gewaltfreien Aktionsgruppen (Anti-Castor und Co) vorstellen.

Einen Tag, an dem wir ein Training zum Thema "Sicherheit und Verhaftung" für uns, Aktive aus dem ISKD und für die KDVer machen.

Die Teilnahme von Jörg an einer Konferenz zum Thema "OSZE und Menschenrecht in der Türkei" ausgerichtet von der Helsinki Citizens Assembly.

Unsere Postadresse:

Ann-Kristin Kröger, Jörg Rohwedder

1803/2 Sokak, No. 11 Müge Apt. Daire 10

Bostanli, Izmir, Türkiye, 0090-232-3627590

U-Gruppe und Hamburg

Hier wird ein Text von Katharina Schulz folgen, der aus technischen Gründen hier noch nicht erscheint.

Finanzen

Im ersten Monat haben wir für Lebenshaltung, Büro, Projektkoordination, Verwaltung und Kommunikation 4.300 DM ausgegeben. Das ist der Betrag, den wir künftig monatlich brauchen. Zusätzliche Trainings etc. werden wir extra beantragen. Zu dem monatlichen Betrag kamen einmalige Ausgaben für Computer, Maklergebühren, Büroausstattung und der Besuch unserer Projektkoordinatorin Katharina Schulz hinzu.

Aus Patenschaften erhalten wir inzwischen 1.300,-- DM im Monat. Durch Einzelspenden und Einnahmen durch Flohmarkt, Abschlussfete und der Solischicht im Cafe Knallhart sind 3.100,-- DM zusammengekommen. Darin steckt viel Arbeit der Unterstützungsgruppe und wir danken allen PatInnen und SpenderInnen. Vielen, vielen Dank für eure Solidarität!!!

Inzwischen haben die Hans-Boeckler Stiftung, die Quäkerhilfe, die Stiftung gewaltfreies Leben einen Betrag von insgesamt DM 8.000,-- bewilligt.

Da die Finanzierung durch Stiftungen weiter unsicher bleibt, sind wir auf die Unterstützung vieler angewiesen. Jede Einzelspende und jede Patenschaft hilft uns da weiter und wir bitten Euch dringend um eine "Weihnachtsspende". Spenden bitte auf das Konto Nr. 55 66 33309, BLZ 250 100 30, der KURVE Wustrow, Stichwort: Türkei.

Viele Grüsse von Ann-Kristin und Jörg

 

Wir danken:

Stiftung Gewaltfreies Leben, Hans-Böckler-Stiftung, Quäker-Stiftung, GAL-Hamburg, ikm Hamburg, Hamburger Forum für Völkerverständigung und weltweite Abrüstung und der DFG-VK in Kiel und in den Landesverbänden Hamburg/Schleswig Holstein und Niedersachsen/Bremen.