Regionen und Länder

Rundbrief Nr. 8

Liebe Freundinnen und Freunde,

liebe Verwandte und andere Interessierte,

seit einem Jahr leben und arbeiten wir in Izmir und unterstützen den Verein der KriegsgegnerInnen (ISKD). Wir ziehen ein erstes Resümee und stellen es Euch vor.

Das erste Training für TrainerInnen ist beendet

Mit unserer Arbeit hier wollen wir die Idee und Methode gewaltfreier Konfliktaustragung bekannt machen. Dazu haben wir eine berufsbegleitende Trainingsreihe angeboten, in der sich politisch Aktive zu TrainerInnen oder MultiplikatorInnen fortbilden konnten. Insgesamt 14 Personen aus dem ISKD, der Rechtsanwaltskammer und von Gewerkschaften haben an der Fortbildung teilgenommen und gehen jetzt ihre ersten Schritte in die Praxis.

Arzu, Hülya, Sefika und Özlem werden in der Menschenrechtskommision der Rechtsanwaltskammer mit Kindern und Jugendlichen in Schulen arbeiten. Sie sind angefragt, die Kinder über ihre Menschenrechte zu informieren. Darüberhinaus möchten sie die Kinder bestärken, diese Rechte auch in Anspruch zu nehmen. Mit Rollenspiel und Eingreiftheater kann das geübt werden.

Aus dem türkischen Menschenrechtsverein (IHD) erreichte Coskun und Ferda die Anfrage, ob nicht die im ISKD seit Jahren praktizierten Methoden zur politischen Organisation, zur Kommunikation in der Gruppe und zum Konsensverfahren auch dem IHD helfen können, die Arbeit effektiver zu machen.

Ayla und Hülya sind von der Gesundheitsgewerkschaft (SES) angefragt, ein grundlegendes Training zu gewaltfreien Handeln in politischen Gruppen zu organisieren.

Das Training für TrainerInnen soll die Teilnehmenden zu dieser Art von Arbeit befähigen. Nach zwei Einführungsseminaren bildeten die Teilnehmenden Teams und bereiteten für die verbleibenden 6 Tage zu einem selbstgewählten Thema eine Seminareinheit vor. Als Quelle für Themen, wie Vorurteile, Kommunikation, Gender und Konsens dient das Handbuch "Aufstehen gegen Kulturen der Gewalt", das 1998 vom ISKD herausgegeben wurde. Andere Materialien in türkisch sind nur spärlich vorhanden und in der Regel auf die Arbeit in Wirtschaftsunternehmen zugeschnitten. Einige TeilnehmerInnen haben sich selbst Übungen ausgedacht oder aus dem vorhandenen für die politische Arbeit abgewandelt.

TrainerInnengruppe zu gewaltfreiem Handeln

Die Teilnehmenden des Trainings für TrainerInnen haben eine TrainerInnengruppe gegründet. Sie wollen die Erfahrungen, die sie in der praktischen Arbeit machen gemeinsam auswerten und weiteres Material aus dem Ausland und der Wirtschaftsliteratur auf die Situation in der Türkei anpassen. In den kommenden Monaten sollen die TrainerInnen mit unserer Hilfe Trainings für Izmirer Gruppen anbieten und Erfahrungen gewinnen. Unsere Arbeit als Freiwillige hier wird so nach und nach überflüssig werden. Wir denken, dass wir bis Oktober 2001 unser Wissen übertragen können.

Ein zweites Training für TrainerInnen soll in Kürze beginnen und wir hoffen, das die TrainerInnengruppe dadurch noch Verstärkung erhält.

Unterstützung der Arbeit des ISKD

Der ISKD war zum Jahreswechsel in einer schwierigen Phase. In den Beginn unseres Aufenthaltes fiel die Entscheidung über eine neue Strategie zum Thema Kriegsdienstverweigerung, die wir moderierten. Wir wurden als "Außenstehende" nach unserer Meinung gefragt und hatten die Freiheit, auch unbequeme Lösungswege vorzuschlagen. In diesem Zusammenhang begleiteten wir auch die persönlichen Entscheidungsprozesse von Kriegsdienstverweigerern (KDVer).

Die Entscheidungen sind getroffen. Nach einer Phase, in der der ISKD das Thema Kriegsdienstverweigerung konfrontativ in die Öffentlichkeit gebracht hat, wird jetzt "defensiv" gehandelt. Einige Kriegsdienstverweigerer haben sich aus der öffentlichen Arbeit zurückgezogen, sind "untergetaucht". Der ISKD unterstützt sie und die KDVer in Istanbul, die sich am 14.Mai öffentlich erklärten. Zudem betreibt der ISKD die Vernetzung mit den Gruppen in Istanbul und Ankara.

Einleben und Alltagsarbeiten

Im Alltag nehmen wir an allen Aktivitäten des Vereins teil (Plenumssitzungen, An-Fem-Frauengruppe, Theatergruppe, TrainerInnengruppe) und gewährleisten mit unserer Arbeit im Büro regelmäßige Öffnungszeiten. Weiterhin haben wir Veranstaltungen über die deutsche Anti-Atom-Bewegung gemacht und für den/ mit dem ISKD an Veranstaltungen, Konferenzen und Vernetzungstreffen teilgenommen (z.B. OSZE und Menschenrecht in der Türkei, Veranstaltung zum Tag der Kriegsdienstverweigerer (15.5.) in Istanbul; Teilnahme am War Resister International-Council in Oxford).

Das erste halbe Jahr haben wir klarer definieren müssen, was es bedeutet, eine lokale Partnerorganisation, die auf der Graswurzelebene arbeitet, zu unterstützen. Der ISKD ist recht klein, arbeitet seit acht Jahren intensiv zusammen und hat eine gruppendynamisch recht komplexe Geschichte. Diese galt es kennenzulernen und sich darauf einzustellen. Unterstützung heisst auch, sich an das Tempo anassen zu müssen. Unsere Ansprüche nach viel gemeinsamer Arbeit mit Aktiven aus dem ISKD waren mit deren Möglichkeiten nicht zu vereinbaren. Sie müssen viel Zeit darauf verwenden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

So mussten wir immer eine Balance finden, zwischen deren und unseren Möglichkeiten und aufpassen, dass wir nicht Projekte initiieren, die nachher nicht von allen getragen werden können

Kongress "Friedens- und Frauenbewegung in der Türkei"

Gemeinsam mit dem ISKD haben wir in den vergangen Monaten zu verschiedenen Basisgruppen aus Friedens-, Frauen-, Ökologie- und Menschenrechtsbewegung Kontakt aufgenommen und sie nach ihren Bedürfnissen in Hinblick auf eine Zusammenarbeit befragt. Wir haben gefragt, ob sie sich an einem Kongress "Friedens- und Frauenbewegung in der Türkei: Praxis und Ideologie" beteiligen wollen, der im September 2001 in Kooperation mit der War Resisters International stattfinden soll und ob ihnen unsere Trainingsangebote hilfreich erscheinen.

Die Gruppen gaben übereinstimmend zur Antwort: Wir sehen einen Bedarf dafür, von den Erfahrungen anderer zu lernen. Wir sehen einen Bedarf dafür, unsere praktische Arbeit effektiver zu gestalten und dafür, unsere Angebote und politischen Inhalte auf Treffen und in Fortbildungen gemeinsam vorzustellen und wir sehen einen Bedarf dafür, Impulse von sozialen Bewegungen aus dem Ausland zu erhalten.

Das hat uns bestärkt, die Kongressidee weiter zu verfolgen. Inzwischen hat es einige Vorbereitungstreffen gegeben, an denen sechs verschiedenen Gruppen teilgenommen haben, die bis dahin kaum kooperierten.

Antimilitaristische Feministinnen An-Fem

Vernetzung findet auch im Frauenbereich statt. Mit der Frauengruppe des ISKD An-Fem und Christiane Möcker von der "Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsgegnerInnen" organisierte Ann-Kristin bereits 1999 eine Frauenbegegnungsreise nach Izmir zum Thema Frauen und Gewalt aus Anlass des 25. November. Und im Mai organisierte sie eine Vortrags- und Begegnungsreise türkischer Aktivistinnen nach Hamburg und Kiel. Gemeinsam mit An-Fem führte sie ein binationales Frauenseminar Anfang Juli 2000 mit 21 Teilnehmerinnen aus Deutschland und der Türkei zum Thema "Frauen in politischen Organisationen" durch.

Durch diese Aktivitäten sind die internationalen Kontakte des ISKD verstärkt worden. Auch in Izmir ist das Interesse von anderen Frauengruppen an der Arbeit von An-Fem gewachsen. Und so will An-Fem sich in Zukunft verstärkt auf Izmir konzentrieren und bspw. zum 25. November diesen Jahres Frauen aus verschiedenen Gruppen zu einem Training und Filmvorführung einladen.

Eine Aufgabe von Ann-Kristin in den internationalen Vorhaben ist es, eine Brücke zwischen den türkischen und den internationalen Gruppen zu sein. Diese Brücke besteht sowohl in sprachlicher Hinsicht, als auch in einem Verständis der unterschiedlichen Arbeitsweisen.

Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland

Es erschienen regelmäßige Rundbriefe (12.99, 02.00, 03.00, 05.00, 07.00, 09.00), die den Paten und Patinnen des Projekts sowie weiteren Interessierten zugeht (insgesamt etwa 400 Personen).

Wir konnten zahlreiche Artikel veröffentlichen, beispielsweise in den Zeitschriften Friedensforum, Zivilcourage, Kirik Tüfek (monatlicher Rundbrief zum Antimilitarismus in der Türkei), Graswurzelrevolution, Pax-Report, illoyal und gewaltfreie aktion. Die Artikel können auf der Web-Seite www.bundeswehrabschaffen.de (Kapitel: Aktuell) nachgelesen werden.

Wir fragten auch lokale Aktive an, Artikel zu verfassen und stellten den Abdruck der Übersetzungen sicher.

Finanzen: Unendliche Geschichte mit dem BMZ

Endlich ist die Entscheidung da und sie fiel aus, wie es nicht anders zu erwarten war. Unserer Antrag an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) ist nach über einem Jahr der Bearbeitung abgelehnt. Der Projektpartner sei für diese Arbeit nicht geeignet, schreibt die Botschaft und bestätigt das Auswärtige Amt (AA). Die müssen es ja wissen. Den Kontakt zu uns oder dem Projektpartner ISKD haben sie nicht aufgenommen. Die Richtlinien für den "Topf", aus dem wir beantragt haben, liest sich wie unsere Projektbeschreibung. Die Aufgaben, die erforderlichen Qualifikationen, die institutionellen Rahmenbedingungen - alles bringen wir mit. Und dass wir in der Lage sind, die Arbeit zu leisten, hat das vergangenen Jahr gezeigt.

Zunächst wurde erwartet, dass wir eine Genehmigung von der türkischen Regierung einholen. Solche Genehmigungen waren aber selbst für grosse Hilfsorganisationen nach dem Erdbeben kaum zu erreichen. Trotzdem versuchten wir, Kontakt zu den lokalen Behörden herzustellen. Aber alle Gesprächstpartner versicherten uns, dass wir keinen Erfolg haben werden.

Also argumentierten wir, mit unserer inzwischen erfolgreich begonnen Arbeit und damit, dass die Richtlinie durchaus vorsieht, auf eine Genehmigung verzichten zu können, wenn das AA dem zustimmt. Das AA stimmte nun, eineinhalb Jahre nach der Antragstellung, nicht zu. Es scheint, als wolle das AA das mit unserer Arbeit verbundene Risiko nicht übernehmen.

und Unterstützung von vielen Leuten

Die Energie, die uns trägt, hat viele Quellen. Es sind vor allem viele Einzelspenden, Patenschaften, Erlöse aus Flohmarktverkäufen und Solischichten. Ohne Eure Spenden, könnten wir unsere Arbeit nicht machen. Wir danken Euch ganz herzlich für Eure Unterstützung.

Leider haben Spenden und Zuschüsse nicht gereicht, um eine Zehn-Stunden Stelle für eine Koordination und Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland dauerhaft zu finanzieren. Katharina Schulz hat ihre Arbeit beenden müssen. Ihre Arbeit wird nun von vielen Händen gemacht.

LiebeR LeserIn, der/die bis zum Ende vorgedrungen ist: Diese Rundbriefe sind natürlich nicht nur ein Organ, Öffentlichkeitsarbeit zu realisieren, sondern auch für uns eine Gelegenheit zu resümieren und zu verarbeiten. Bedanken möchten wir uns bei allen, die die Höhen und Tiefen dieses Projektes mitverfolgen und bei denen, die uns Reaktionen schreiben.

Herzliche Grüsse von

Ann-Kristin und Jörg

Und noch ein wichtiges P.S.:

Da wir das Projekt um ein Jahr verlängert haben, sind wir auch weiterhin auf Eure Spenden angewiesen. Wir freuen uns sehr über diejenigen, die sich entscheiden, ihre Patenschaft zu verlängern oder zu spenden und über alle, die sich neu für eine Unterstützung entscheiden!

Spendenkonto: Nr. 55 66 33-309, Postbank Hannover, BLZ 250 100 30. Stichwort Türkei

Wir danken: Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, AGDF; Ausschuss kirchlicher Weltdienste. AKWD; Bertha von Suttner Stiftung, DFG-VK in Kiel, Hamburg, Buxtehude und in den Landesverbänden Hamburg/Schleswig-Holstein und Niedersachsen/Bremen, GAL-Hamburg, Hamburger Forum für Völkerverständigung und weltweite Abrüstung, Hans-Böckler-Stiftung, ikm Hamburg, junge gemeinschaft Hamburg, NIWANO Peace Foundation, Quäker-Hilfe, Stiftung Gewaltfreies Leben sowie vielen Einzelpersonen.