Regionen und Länder

RUNDBRIEF NR. 9

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Verwandte und andere Interessierte,

SITUATION IM HUNGERSTREIK

Es befinden sich noch immer rund 400 Gefangene im Todesfasten. Einige sind
im 87. Tag ihres Todesfastens. Die Zahl der unbefristet Hungerstreikenden
wird vom Staat mit 1.030 angegeben. Auch ausserhalb der Gefängnisse haben
Angehörige mit einem Hungerstreik begonnen. Über 1.000 Gefangene sind
inzwischen in drei Gefängnisse vom Typ F verlegt worden. Sowohl während der
Verlegung als auch in den Typ F Gefängnissen sind die Gefangenen
misshandelt worden. Ihnen wird die ärztliche Begleitung verweigert und sie
erhalten zum Teil das Vitamin B 1 nicht, das sie notwendig brauchen, um die
gesundheitlichen Folgen zu begrenzen. Die Lage in den Gefängnissen spitzt
sich also wieder zu.
Ausserhalb der Gefängnisse finden immer noch Aktionen zur Unterstützung der
Gefangenen statt, über die aber in Folge der vom Staatssicherheitsgericht
(DGM) verhängte Pressezensur nicht berichtet wird. Die Bündnisse für die
Unterstützung haben sich in den vergangen Wochen nach den Feiertagsferien
und den Beginn von Anschlägen der DHKP-C (Revolutionäre
Volksbefreiungspartei - Front) auf die Polizei verkleinert. Am vergangenen
Wochenende waren es in Izmir lediglich die sozialistischen Parteien, die
eine Demonstration anmeldeten. Selbst der Menschenrechtsverein IHD hat sich
in Izmir von dieser Aktion zurückgezogen, da in der Vorbereitung keine
Einigung darüber erreicht werden konnte, wie konfrontativ die Aktion sein
soll.

Reaktionen des Staates

Der Staat nutzt die Schwäche der Bewegung weiter aus und reagiert mit
Repression. Ansonsten gibt er sich schweigsam. Der Justizminister äusserte
lediglich, dass die Gefangenen selbst für ihr Leben verantwortlich seien
und die Regierung kein Bedarf sehe, mit GefangenenvertreterInnen Gespräche
zu führen. Allerdings werde diskutiert, mit einer Zwangsernährung in den
kommenden Tagen zu beginnen. Autopsieberichte belegen inzwischen, dass
lediglich zwei der 28 bei der Erstürmung getöteten Gefangenen in Folge von
Selbstverbrennungen gestorben sind. Alle anderen sind durch Angriffe der
Polizei mit Schusswaffen sowie Brand- und Gasgranaten getötet worden.
Vertreter der Regierung machten bald nach der Erstürmung der Gefängnisse
klar, dass die Operation mit dem Namen "Rückkehr ins Leben" lediglich den
Sinn hatte, die nach europäischen Standard errichteten Typ F Gefängnisse zu
eröffnen.

Erste Berichte von den Angriffen

Auf einer Pressekonferenz des IHD berichtete ein von der allgemeinen
Amnestie Begünstigter, wie er die Erstürmung des Gefängnisses in Aydin (ca.
100 km südöstlich von Izmir) und die Verlegung in das Typ F Gefängnis
Sincan bei Ankara erlebt hat. Nach der Erstürmung wurde die
Hungerstreikenden von den restlichen Gefangenen getrennt, zu denen er
gehörte. Mit Bussen wurden sie zur Jandarma nach Aydin gebracht. "Dort
ausgestiegen mussten wir durch einen langen Gang in unsere Zelle.
Vielleicht 30 Meter, aber mir kam es wie hundert vor. Links und rechts an
der Wand standen Jandarma. Sie hatten Schlagstöcke, Baseball-Keulen,
Gartenschläuche, Besenstiele in der Hand. Halt alles, womit man jemanden
schlagen kann. Dann mussten wir durch das Spalier. Du weisst nicht, wo Du
Dich mit dem Armen schützen sollst und kannst nur so schnell es geht die
Strecke überwinden." Er berichtete von weiteren Misshandlungen, Schlägen,
entwürdigenden Untersuchungen, die auch im Typ F Gefängnis Sincan nicht
aufhörten.

Europäischer Standard: Eine Verschlechterung

"Die Politiker werben mit dem europäischen Standard der Typ F Gefängnisse,
aber für das soziale Leben in den Gefängnissen ist das eine erhebliche
Verschlechterung. Alle bestehenden Formen der Selbstorganisation der
Gefangenen werden abgeschafft." sagt Coskun Üsterci von der
Menschenrechtsstiftung (THIV). Als wir die Fernsehbilder von den Gefangenen
sahen, überraschte auf den ersten Blick, dass sie ihre private Kleidung
trugen. Gefängnisuniform lies sich bisher bei den politischen Gefangenen
nicht durchsetzen. In einigen Gefängnissen kochen die Gefangenen selbst.
Sie erhalten von der Gefängnisleitung entweder die Zutaten oder das Geld,
um die Lebensmittel selbst zu kaufen.

"Als ich nach Mamak ins Gefängnis kam, sagte ich dem Direktor, dass ich zu
den politischen Gefagenen will und er fragte mich, ob ich in eine gemischte
Zelle oder in die Zelle mit denen von der DHKP-C möchte. Ich wählte die
Gemischte. In der Zelle waren siebzig Gefangene. Dort haben die einzelnen
Gruppen ihre Betten so zusammen gestellt und mit Laken umwickelt, dass
kleine Räume entstehen. In einem Raum wird geklönt, in einem anderen ist
politischer Vortrag, irgendwo wird gelesen. Besuche zwischen den Gruppen
sind erwünscht. Die Ruhezeiten, das Fernsehprogramm, jede Kleinigkeit wird
von den Gefangenen organisiert. Und obwohl die Gruppen ausserhalb der
Gefängnisse sich zum Teil bekämpfen, geht es im Gefängnis nur nach dem
Konsensprinzip" berichtet Osman Murat Ülke aus seiner Haftzeit.

Das Dreier- und Einzelsystem der Typ F Gefängnisse mag zwar Verbesserungen
für die Hygiene, zum Teil auch für die Licht- und Luftverhältnisse bringen,
bedeutet aber ansonsten die Auflösung dieser Selbstorganisation.

Beteiligung des ISKD

Der ISKD beteiligt sich an den Plattformen, die zur Unterstützung der
Forderungen Gefangenen eingerichtet wurden und insofern sind wir mit
unserer Arbeit ebenfalls betroffen, auch wenn das nicht unser Schwerpunkt
werden wird. Wir erleben Angehörige von Gefangenen und damit hautnah die
Diskussionen um den Sinn und Unsinn des Todesfastens. Auf Anraten von
FreundInnen beteiligen wir uns seit der Erstürmung der Gefängnisse nicht
mehr an Aktionen, auch wenn wir sie aus der Ferne beobachten. Wir wollen
unseren labilen Status hier nicht gefährden.
Eine Berichtigung: Wir hatten in den Nachrichten Nr. 6 von 8000
solidarischen Hungerstreikenden berichtet und dabei leider den Tippfehler
einer anderen Organisation ungeprüft übernommen. Es handelte sich zum
damaligen Zeitpunkt um 800 Personen, die Zahl stieg zwischenzeitlich aber
auf 2.500 an.(so schreibt die Tageszeitung radikal unter Berufung auf die
Regierung)

THEATER DER UNTERDRÜCKTEN

Mitte Dezember veranstaltete An-Fem (Frauengruppe im ISKD) in Izmir ein
Seminar zur Alltagsgewalt gegen Frauen. Geleitet wurde es von zwei
Teilnehmerinnen des Trainings für TrainerInnen Fatos Yapmaz und Ferda Ülker
in Zusammenarbeit mit Ann-Kristin Kröger. Mit der Methode Forumtheater, ein
"Eingreif"-Theater aus dem Theater der Unterdrückten des Brasilianers
Augusto Boal probierten wir verschiedene Reaktionsmöglichkeiten auf Gewalt
aus. Unser Ziel war es u.a., in Situationen alltäglicher Gewalt
selbstbewusster und schlagfertiger zu reagieren.
Ein Fragebogen zu den eigenen Gewalterfahrungen brachte Unterschiede und
Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und türkischen Lebenswelten hervor: Für
die meisten Frauen gehörten Schläge in Familie und Schule zu einer normalen
Kindheit. Die Situationen, die wir mit dem Forumtheater später auf die
Bühne brachten, ähnelten hingegen den Problemen von Frauen in Deutschland:
Nachts im Bus ungewollt von einem Fremden angefasst oder an einer
Haltestelle angemacht werden.
In der Abschlussrunde wurde von den Teilnehmerinnen besonders die
Praxisnähe gelobt. Mit dem Theater konnten zahlreiche Ideen "life"
ausprobiert werden. Und am Schluss witzelte sogar eine: "hoffentlich glotzt
mich demnächst wieder einer an, der kann was erleben!"
Im Frühjahr wollen wir die Zusammenarbeit und Vernetzung von Frauengruppen
in Izmir mit einem Kennenlerntag im Februar und einem Seminar im März
stärken.

BESUCH VON JOANNE SHEEHAN, Vorsitzende der WRI

In der Zeit vom 07.02. bis zum 16.02.2001 wird Joanne Sheehan in Istanbul
und Izmir sein. Wir, der ISKD und die Istanbul Antimilitarist Inisiyatif
(IAMI) haben Joanne eingeladen, von ihren Erfahrungen mit gewaltfreien
Kampagnen und vorbereitender Trainingsarbeit für gewaltfreie Massenaktionen
wie z.B in Seattle und Prag zu berichten. In beiden Städten wird sie
öffentliche Vorträge halten, workshops für AktivistInnen geben und einige
zivilgesellschaftliche Gruppen besuchen.
Der Widerstand gegen die Treffen von Weltbank, IWF und
Welthandelsorganisation in Seattle und Prag sind in der Türkei aufmerksam
verfolgt worden. Viele stellten die Frage: Was ist der "Spirit" von
Seattle? Wie kann es gelingen, dass unterschiedliche Gruppen, Parteien und
Organisationen gemeinsam handeln? Das Videomaterial, das bisher hier zu
sehen war, konnte keine Antwort auf diese Frage bringen. Wir haben dher
Joanne Sheehan wegen ihrer Erfahrungen in gewaltfreier Kampagnenarbeit
eingeladen, diese Fragen zu beantworten.
Möglich wird diese Rundreise durch die finanzielle Unterstützung der
niederländischen Stiftung xminy.

TRAINING FÜR TRAINERINNEN

Nachdem wir im November und Dezember 2000 erste vorbereitende Trainings und
Abendseminare angeboten haben, beginnt wir in den nächsten Wochen mit einem
zweiten Durchlauf de Programms Training für TrainerInne. Dieses Mal legen
wir ein grösseres Gewicht auf das konkrete politisch-gewaltfreie Handeln.
Unsere Zielgruppe sind wie beim vergangenen Mal Personen, die in aktiven
Gruppen oder Organisationen ihr erworbenes Wissen weitergeben können. Ein
ausführlicherer Bericht folgt in einem der kommenden Rundbriefe.

EINE HONORARSTELLE FÜR DEN ISKD

Ziel unserer Arbeit ist es auch, das wir uns überflüssig machen. Daher
waren unsere Aktivitäten hier immer darauf ausgerichtet, möglichst viel
Wissen weiterzugeben. Als zwei Personen, die in einem kleinen Verein mit
überwiegend ehrenamtlicher Struktur arbeiten, hat unsere Arbeit Gewicht
bekommen. Um die von uns initiierten Projekte und die sich daraus
ergebenden Handlungsmöglichkeiten zu nutzen, wollen wir unsere Arbeit als
Freiwillige auf eine hauptamtliche Stelle für eine lokale Kraft übertragen.
In Ferda Ülker (Theaterwissenschaftlerin und Gründungsmitglied des ISKD)
ist eine qualifizierte und motivierte Person gefunden. Sie hat die Höhen
und Tiefen des Vereins miterlebt, sie hat als Trainerin in gewaltfreiem
Handeln gearbeitet, hat die Solidaritätsarbeit für Ossi stark geprägt und
die Theatergruppe im ISKD geleitet.

Im ISKD bestand seit längerem der Wunsch, neben Ossi eine weitere bezahlte
Kraft zu beschäftigen. Die Arbeit von Ossi finanzierte sich bisher aus
verschiedenen kleinen Projekten. Zukünftig wird er in der Türkei als
Redakteur der türkisch-kurdisch-deutschen Beilage "otkökü" der
Graswurzelrevolution arbeiten und entlohnt werden. War es bisher lediglich
gelungen, die laufenden Kosten des Vereins zu decken (Spenden eingeworben
über Connection e.V., das Bildungswerk der DFG-VK NRW e.V. und anderer
KooperationspartnerInnen) so sind aus Projektanträgen, die wir gestellt
haben, erstmals Mittel zur Verwendung für lokale Kräfte frei. Wir wollen
damit einen Einstieg Ferda Ülkers in die professionelle Arbeit ermöglichen.
Ab 01. Februar wird sie halbtags im Verein arbeiten und halbtags weiter an
ihrem alten Arbeitsplatz.

Es grüssen herzlich

Ann-Kristin und Jörg


Spendenkonto: Nr. 55 66 33-309, Postbank Hannover, BLZ 250 100 30.
Stichwort Türkei

Wir danken: Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, AGDF; Ausschuss
kirchlicher Weltdienste. AKWD; Bertha von Suttner Stiftung,
BINGO!-Umweltlotterie - Niedersächsische Lottostiftung, DFG-VK in Kiel,
Hamburg, Buxtehude und in den Landesverbänden Hamburg/Schleswig-Holstein
und Nie-dersachsen/Bremen, GAL-Hamburg, Hamburger Forum für
Völkerver-ständigung und weltweite Abrüstung, Hans-Böckler-Stiftung, ikm
Hamburg, junge gemeinschaft Hamburg, NIWANO Peace Foundation, Quäker-Hilfe,
Stiftung Gewaltfreies Leben, xminy sowie vielen Einzelpersonen.
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Informationen und Ansichten aus dem Projekt Friedensarbeit
in der Tuerkei unterstuetzen.
Fragen an: ankajoe3@hotmail.com