Regionen und Länder

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Verwandte und andere Interessierte,

Trainingsarbeit beendet - Trainingsarbeit beginnt

Im Juni endete unser Anteil an der Trainingsarbeit, die wir als Freiwillige
der Kurve Wustrow in der Türkei unterstützt haben. Ein Wochenende im
"Training für TrainerInnen" bildete den Abschluss und wir können sagen,
dass wir unsere selbstgesteckten Ziele erreicht haben. In Zusammenarbeit
mit dem Verein der KriegsgegnerInnen, ISKD, ist es uns gelungen,
AktivistInnen aus Gewerkschaften, Menschenrechtsorganisationen und
politischen Basisgruppen fortzubilden. Die Liste der Organisationen, aus
denen Teilnehmende zu den verschiedenen Trainings kamen ist ansehnlich:

∑ Amnesty international, Izmir
∑ An-Fem (antimilitaristische FeministInnen)
∑ Ege Universität, Fakultät der Theaterwissenschaften
∑ Demokratieplattform Izmir
∑ DSIP (Revolutionäre Sozialistische Arbeiterpartei)
∑ Gewerkschaft der Angestellten im öffentlichen Dienst
∑ Gewerkschaft der Angestellten im Bildungswesen
∑ Gewerkschaft der ArbeiterInnen im Gesundheitswesen
∑ IHD, Türkischer Menschenrechtsverein (Zweigstelle Izmir)
∑ ISKD (Izmirer Verein der KriegsgegnerInnen)
∑ Lotus (Schwul-lesbische Gruppe in Izmir)
∑ Menschenrechtszentrum in der Rechtsanwaltskammer Izmir
∑ ÖDP (Freiheits- und Solidaritätspartei)
∑ Unabhängige Frauenplattform

Wie die Teilnehmenden das Erlernte anwenden können, dokumentiert ein
Artikel aus der angesehenen Tageszeitung Cumhuriyet.

Menschenrechte spielerisch beigebracht

Izmir (Cumhuriyet, Ägäis Büro) 18.4.2001. RechtsanwältInnen des
Menschenrechtszentrums in der Rechtsanwaltskammer Izmir verwirklichten im
Mädchenerziehungsheim Buca eine 14-teilige Fortbildung. Mit der Fortbildung
konnten sie den Blick der Jugendlichen, die wie in einem Kokon
eingeschlossen waren, auf das Leben und die Menschen ändern. Die
AusbilderInnen haben zunächst Masche für Masche den Kokon der Jugendlichen
geöffnet, die gesellschaftlichen Problemen gegenüber desinteressiert,
lieblos und wütend waren und die sich selbst nur schwer ausdrücken konnten.
Mit Themen wie Konflikt und Verständigung, Arbeitsteilung und Kooperation
sowie mit Hilfe von aktivierenden Arbeitsmethoden konnte die Schale
aufgebrochen werden.

Danach wurden den Jugendlichen Themen wie die allgemeine Erklärung der
Menschenrechte, Gedanken- und Meinungsfreiheit, das Recht auf Leben und die
Privatsphäre mit Spielen und Übungen näher gebracht.
Aus dem Menschenrechtszentrum der Izmir Rechtsanwaltskammer organisierten
Özlem Yilmaz, Meftune Yakup «il, Caglar Akbulut, Hülya ÜÁpinar, Saadet
Kayaalp, Nurdan Anli, Sevgi Bozkurt, Nevin Kilci, Arzu Demirci und Berna
Akbab für die 14 bis 16 jährigen Schülerinnen im Mädchenerziehungsheim Buca
die Fortbildung, die im Leben der Jugendlichen ein "Unterschied" bewirkte.

Auch wenn ihre Zahl gering ist, sind sie ein Teil der Gesellschaft und sie
haben Hoffnungen und Ideale für die Zukunft bekommen. Die Anwältin Özlem
Yilmaz berichtet von ihrer ersten Begegnung mit den Mädchen, die in einem
Gebäude mit hohen Decken, Steinwänden und kalten Kooridoren leben. Dort, wo
es nach Einsamkeit und Schwermut riecht, begegneten ihr zunächst auch nur
Desinteresse und Abwehr.

"Uns gegenüber sassen kleine Raupen in ihrem Kokon. Ihre Kokone waren mit
Eis umgeben. Wir breiteten Postkarten auf der Erde aus und jede wählte sich
eine. In Paaren begannen wir einander zu berichten, welche Gefühle diese
Postkarte in uns auslöst. Erst fing das Eis um den Kokonen an zu schmelzen
an, dann wurde aus dem schmelzenden Wasser ein Fluss und in kleinen
Ruderbooten brachen sie einzeln zu einer Reise in unsere Welt auf. Sie
haben für uns Bilder von Traurigkeit und Einsamkeit gezeichnet. An diesem
Abend dachte ich, bevor diese Mädchen Bilder von Freude zeichnen, muss ein
Wunder geschehen."

Zu Beginn der Ausbildung haben die Jugendlichen mit den AusbilderInnen
zusammen festgelegt, welche Regeln gelten sollen und sie haben diese später
alle eingehalten. Im Laufe der Fortbildung begannen die Jugendlichen zu
sprechen und sich zu öffnen.

Die Mädchen, die gesellschaftlichen Themen zunächst desinteressiert
gegenüberstanden, kamen langsam in dem Leben ausserhalb ihrer selbst an.
Während des sechsten Treffens spielten sie mit den AusbilderInnen zusammen
ein Rollenspiel. In einem Gerichtsprozess um Gedankenfreiheit wurden die
Angeklagten, Journalisten der Zeitung "Freizügigkeit", gespielt. In
Wasserstadt verübte der Mob, aufgeheizt durch Artikel und Nachrichten,
Lynchjustiz an einem atheistischen Autoren und an einem Transvestiten. In
Folge der Lynchjustiz starben der Transvestit sowie ein Student. Der
atheistische Autor wurde verletzt. In der Gerichtsverhandlung wurden
Alltagshelden gespielt, die aufgrund ihres Glaubens oder ihrer sexuellen
Orientierung aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. An diesem Abend
diskutierten die AusbilderInnen mit den Schülerinnen neben den rechtlichen
Hindernissen auch den gesellschaftlichen Druck, der einem Grenzen setzt.
Die Rechtsanwältin Özlem Yilmaz berichtet von diesem Abend: "Aus der Robe
des Richters spricht Sokrates zu uns. Ein von uns als sehr komplex
empfundener Fall, wird von den Mädchen mit Schlichtheit und Aufrichtigkeit
viel tiefer wahrgenommen, als wir erwartet hatten."
 
Aber viele TrainerInnen mussten auch feststellen, dass das, was im Training
schnell ausprobiert ist, sich in der Praxis nur schwer umzusetzen lässt.
Eine Aktive aus der Gewerkschaft hatte sich im Training darauf vorbereitet,
gewaltfreie Gesprächstechniken einzuführen. Sie wurde vom Vorstand mit den
Worten abgeblockt, dass dafür keine Zeit sei. Aber sie lässt nicht locker
und in der zweiwöchentlich tagenden TrainerInnengruppe besprechen wir nun,
wie die Widerstände gegen neue Methoden aufzuweichen sind.

Für uns ist es ein weiterer Erfolg unserer Arbeit, dass sich eben diese
TrainerInnengruppen etabliert. Allerdings hatten wir gehofft, die Gruppe,
die sich gegenseitig Supervision und Fortbildung geben soll, würde
schneller wachsen. Mit durchschnittlich 6 Teilnehmenden ist sie kleiner,
als der Erfolg aus den Trainingsreihen erwarten liess. Dennoch: Eine Basis
ist geschaffen und die gerade ausgebildeten TrainerInnen möchten im Herbst
Trainings anbieten und für sich selbst Fortbildungen organisieren.

Basisarbeiterin Ferda Ülker

Um die Kontinuität der Trainingsarbeit zu gewährleisten, wollen wir Ferda
Ülker als Basisarbeiterin im ISKD unterstützen. Seit dem März diesen Jahres
arbeitet sie halbtags im Verein der KriegsgegnerInnen. Sie betreut die
Seminararbeit und koordiniert die TrainerInnengruppen. Eine Finanzierung
der Hans Böckler Stiftung ermöglicht es ihr, die Arbeit an einem Handbuch
zu gewaltfreien Handeln zu koodinieren. Um die Arbeit am Handbuch
vorzubereiten, hat Ferda Ülker in den vergangenen Monaten Protokolle,
Erfahrungsberichte, Wandzeitungen und Programme der vergangenen fünf Jahre
Trainingsarbeit gesichtet. Sie hat mit dem Aufbau einer Handbibliothek
begonnen und in gemeinsamer Diskussion ist eine Gliederung für das Buch
fertigestellt. Jetzt schreiben einzelne Aktive an Artikeln und wir planen,
das Handbuch zur Jahreswende fertigzustellen.

Aber die Arbeit im Verein verläuft nicht immer ungestört. In den letzten
Wochen vermehrten sich Vorladungen zur Polizei, da der ISKD an
Solidaritätsveranstaltungen zum Hungerstreik beteiligt hat. Vorgeladen wird
stets der komplette Vorstand und sämtliche StellvertreterInnen. Zudem war
die regelmässige Überprüfung der Vereinsunterlagen fällig. Jeder politische
Verein muss ein Buch führen, in dem sämtliche Entscheidungen des Vereins
aufgeführt sind. Vom Computerkauf bis zur Pressemitteilung ist dort alles
aufzulisten. Der bürokratische Aufwand ist vorstellbar und die sich
ergebenden Kontrollmöglichkeiten ebenfalls. All diese Arbeit hat nun die
kompetente Unterstützung der Basisarbeiterin.

Die Aktion Selbstbesteuerung (www.aktion-selbstbesteuerung.de) und die
Bewegungsstiftung (www.bewegungsstiftung.de) haben sich entschieden, Ferda
Ülker als Basisarbeiterin zu unterstützen. Die Finanzierung gibt ihr und
uns die Grundlage, am Aufbau eines eigenen PatInnenkreis zu arbeiten. Dazu
erwarten wir Ferda Ülker im November diesen Jahres in Deutschland. Sie wird
ihre Arbeit vorstellen und um Unterstützung werben.

Otkökü

Die zweite Ausgabe von Otkökü ist erschienen. Otkökü, türkisch für
Graswurzel, ist eine deutsch-türkische Beilage zur Graswurzelrevolution
-
Informationen und Ansichten aus dem Projekt Friedensarbeit
in der Tuerkei unterstuetzen.
Fragen an: ankajoe3@hotmail.com