Regionen und Länder

Erste Schritte - erste Eindrücke Friedensarbeit in der Türkei,

Artikel für Kýrýk Tüfek 12/99

Ann-Kristin Kröger

Seit Anfang November arbeiten Jörg und ich beim Savaþ Karsýtlarý Derneði in Izmir und richten uns für ca. ein Jahr ein. Neben Akklimatisierung heisst das vor allem: türkisch, türkisch und noch mal türkisch lernen. Aber wir haben schon Eindrücke gewonnen und die Frauenaktionstage ” Frauen und Gewalt” vom 25.11 bis zum 2.12. stehen kurz vor ihrem Beginn:

Das erste Frauenplenum, das ich besuchte, bestand aus der Frauengruppe des ISKD, einer Dolmetscherin (engl.-türk.) und mir. Nicht nur die Tatsache, dass es der Dolmetscherin gelang, einen 5-minütigen Wortbeitrag auf 2 Sätze zu reduzieren, markierten unsere interkulturelle Kommunikation. Missverständnisse gab es 2 Wochen vor Beginn der Aktionstage auch über Programminhalte und Umfang, da wir ein Notprogramm überlegten. Das Notprogramm wurde nötig, weil der geplante Frauenkomgress aus Geld- und Kräftemangel auf die zweite Jahreshälfte 2000 verschoben wurde.


Dennoch schafften wir es, uns auf dem ersten Treffen auf einen gemeinsamen Rahmen zu einigen, der per Telefon mit den deutschen Teilnehmerinnen abgestimmt wurde. Auf den folgenden Treffen wurden fünf Gesprächstermine mit Organisationen, wie dem IHD, der Menschenrechtsstiftung (TIHV), Friedensfrauen der HADEP und Juristinnen vereinbart. Sie sollen interwievt werden, wie sie der Gewalt an Frauen begegnen. Vier inhaltliche Abende und ein unsichtbares Theater werden die Aktionstage abrunden.


Die Arbeitsbedingungen im ISKD scheinen (immer noch) miserabel zu sein. Es mangelt an Menschen, die Zeit haben, für den ISKD zu arbeiten, ohne an ein bestimmtes Projekt gebunden zu sein. Mit anderen Worten: An Hauptamtlichen. Als einziger arbeitet Ossi oft im Verein, weil er als ”Fahnenflüchtiger” sowieso keine bezahlte Arbeit suchen darf. Aber da er jederzeit verhaftet werden kann, hat diese Situation nur eine geringe Perspektive.


Andere Menschen, die gerne mehr machen würden, haben wenig Zeit, weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Das scheint in der Türkei ein äusserst zeitaufwendiges und unsicheres Unterfangen zu sein. So arbeitet eine Frau 6 Tage in der Woche täglich 9-11 Stunden in einem Buchladen und erhält dafür 110 Mill.TL (ca. 420 DM). Davon muss sie die Hälfte für Miete ausgeben, 10 Mill. TL für die Monatskarte, bleiben für den Rest 45 Mill. TL (ca. 180 DM). Sie sagt, es sei zu wenig, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber das macht auch nichts: Vor sieben Monaten hatte sie das letzte Mal eine Woche Urlaub und deshalb sowieso keine Zeit Geld auszugeben. Viele können nur mit Unterstützung ihrer Familie die notwendigen Gelder zusammen bekommen.


Neben dem Faktor ”Lebensunterhalt sichern” erschwert die Angst vor Bedrohung und Repression die Vereinsarbeit. Ein Beispiel: Während der Frauenaktionstage soll ein Unsichtbares Theater aufgeführt werden. Es behandelt das in der Türkei brisante Thema Homosexualität, bzw. Toleranz pluraler Lebensstile. Für Izmir lässt sich sagen, dass längere Umarmungen, Küsse, Kuscheln von Hetero-Paaren in der Öffentlichkeit bereits provozierend wirken und die Paare evtl. von PassantInnen angesprochen werden. Ein Kuss oder Händchenhalten von homosexuellen Männern ist undenkbar. Auf meine Frage, was passieren würde, wenn …?, kam eine eindeutige Geste: sie würden verprügelt werden.


In der Theaterszene soll ein Schwuler in einer Kneipe von einer Frau angepöbelt werden. Diese Szene ohne Erlaubnis des Kneipenbesitzers zu spielen, wird als zu riskant eingeschätzt. Die Gefahr, dass die Polizei geholt würde, sei zu gross. Ein Kneipenbesitzer hätte das Stück gerne unterstützt, lehnte aber dennoch ab, weil u.a. Faschisten seinen Laden besuchen und er für deren Reaktion nicht garantieren könne.


Bedrohung oder Repression gegen einzelne Aktionen wie das Unsichtbare Theater sind eine Sache. Eine andere, viel weitreichendere, ist die permanent drohende Verhaftung der fünf KDVer. Die Bedrohung, so scheint es mir im Eindruck der ersten Tage, wirkt lähmend. Da die Strategie, dass eine Masse von KDVern öffentlich verweigert, zwar grosse Solidarität hervorgerufen hat, aber bis jetzt nicht aufging und ausserdem in der Türkei eine Pressezensur besteht, sinkt die Motivation, ins Gefängnis zu gehen. Die KDVer und der Verein sind zur Zeit unschlüssig, wie es weitergehen soll (s. Artikel ”Zwei Soldaten im Bus”).


Zur Zeit versuchen wir die politische Situation und die des Vereins besser einzuschätzen, um dann gemeinsam mit dem Verein zu entscheiden, was unsere konkreten Aufgaben sein werden. Schon jetzt geben wir unsere Beobachtungen weiter und lassen den berühmten ”Blick von aussen” wirken.


Zwei Soldaten im Bus.

Jörg Rohwedder

Wer in der Türkei an einem öffentlichen Platz türkisch lernt, wird rasch angesprochen. Der Weg von Bostanli zum Verein der KriegsgegnerInnen führt an einem grossen Militärstützpunkt vorbei. Ein Soldat in zivil steigt ein und steht im vollen Bus neben uns. Wir lernen türkisch. Er spricht uns an. Er erzählt, dass er noch 183 Tage in der Armee bleiben muss. Dabei schaut er auf die Uhr, als käme es auf die Stunde an. Im Monat würde er DM 15,-- Wehrsold bekommen, was nun wirklich wenig sei. Aber, er diene auf einem Kriegsschiff, das in Hamburg gebaut sei. Überall stehen noch die deutschen Namen: für Küche, Toilette und so. Und die Bundesmarine hat einen Wimpel und ein Namensschild hinterlassen. Nun heisse das Schiff Yunus (Delphin), den deutschen Namen habe er leider vergessen. Weiter erzählt, dass er zu denen gehöre, die 18 Monate Rekrut seien. Wer Hochschulabschluss habe, der bleibe als Unteroffizier für 16 Monate oder als einfacher Soldat lediglich acht Monate. Den Einsatzort könne er sich nicht aussuchen.


Auf einer Busfahrt sind die wichtigen Eckdaten für den Soldatendienst erzählt. Dass er den Dienst nicht verweigern kann, erzählt er nicht, genausowenig, wie er beschreibt, dass in der Türkei ein Krieg geführt wird.


Wenige Stunden später sind wir auf der Rückfahrt. Mit uns im Bus der Fahnenflüchtige Soldat Osman Murat Ülke. Auf der Versammlung des ISKD wurden die Perspektiven besprochen und die sind für das Thema Kriegsdienstverweigerung und die einzelnen Kriegsdienstverweigerer schlecht. Mit Erkan Calpur und Vedat Zencir sind inzwischen zwei Kriegsdienstverweiger zu einer Einheit einberufen und kennen die Gefägnisse, in die sie inhaftiert werden würden. Isparta und Erzincan. Beide Gefägnisse sind wegen ihrer grausamen Behandlung von Inhaftierten bekannt. Die Hoffnung mit einer Aktion eine nennenswerte Öffentlichkeit zu erlangen sind selbst mit guter internationaler Unterstützung gering. Und eine Verhaftung und u.U. über Jahre dauernde Inhaftierung würde nicht bedeuten, dass darauf eine Phase legalen Lebens erfolgt. Der Druck, den Dienst in der türkischen Armee zu leisten, bleibt.


Es werden angesichts der bestehenden Verhältnisse neue Optionen diskutiert: so z.B. das Untertauchen in der eigenen Gesellschaft oder weitreichendere Schritte. Es ist zu diesem Zeitpunkt ungewiss, welche Entscheidung ein jeder KDVer fällt. Und die Entscheidung ist sowohl eine individuelle und als auch eine kollektive. Das Kollektiv muss entscheiden, zu welcher Unterstützung es sich bereit und in der Lage fühlt. Auf dieser Basis kann der KDVer seine Entscheidung treffen. Aber, so wird von verschiedenen betont, er muss sie mit der Option vor Augen treffen, dass das Kollektiv die Unterstützung aus verschiedenen Gründen nicht wird leisten können. Erkan und Vedat, als einberufener KDV er haben sich eine Frist bis zum Frühjahr gesetzt. In dieser Zeit soll eine Verhaftung vermieden werden, um dem Verein und den internationalen Solidaritätsgruppen die Zeit zu geben, über eine Strategie zu diskutieren.