Regionen und Länder

Interview mit Ferda Ülker

Mit diesem Interview wollen wir Euch Ferda Ülker persönlich
vorstellen, die als Trainerin für gewaltfreies Handeln, als Feministin
und Antimilitaristin in Izmir aktiv ist. Patinnen und Paten
unterstützen ihre Arbeit mit monatlichen Beiträgen, die über die
Bewegungsstiftung (www.bewegungsstiftung.de) gesammelt und an sie
weitergeleitet werden.

Ferda, unter welchen Bedingungen bist du aufgewachsen?

Ich wurde 1968 in Bandirma geboren und habe vier weitere Geschwister.
Meine Eltern gehören der Mittelschicht an. Meine Mutter ist Hausfrau.
Mein Vater war Soldat, und so haben wir auch in den Wohnbezirken der
Soldaten gelebt. Da mein Vater versetzt wurde, bin ich in Eskisehir
(Anatolien) und in Bandirma (Marmarameer) aufgewachsen. 1985 ging ich
nach Izmir, um zu studieren. Zunächst Lebensmittelkontrolle an einer
Fachhochschule, womit ich aber nicht zufrieden war. Deshalb besuchte
ich anschließend die Universität und habe in Regie und Dramaturgie
meinen Abschluss als Theaterwissenschaftlerin gemacht.

Gab es ein bestimmtes Ereignis, das dich politisiert hat?

Meine Politisierung begann eigentlich in der Zeit, in der ich zu
studieren anfing. Es war in meiner Familie schon fast eine Art
Tradition, zur Ausbildung in eine moderne Stadt zu gehen und dort auf
eigenen Füssen zu stehen. Das ging bei uns allen auch mit politischer
Arbeit einher. Meine große Schwester wurde in der Linken aktiv,
nachdem sie unser Elternhaus verlassen hatte, und so war es dann auch
bei mir. Mich faszinierte die Studentenbewegung, die sich nach dem
Putsch von 1980 das erste Mal wieder zu organisieren begann.Mein
großes Vorbild damals war meine Schwester. Sie war eine echte
Revolutionärin und hat einiges riskiert. Durch sie bin ich mit anderen
"Helden" der revolutionären Linken in Kontakt gekommen. In der
traditionellen türkischen Linken hat es immer konkurrierende
Fraktionen und Gruppierungen gegeben. So auch in der damaligen
Studentenbewegung. Die linken Gruppen haben dort versucht, Fuß zu
fassen und AktivistInnen zu rekrutieren. Dabei ging es nicht um die
Qualitäten, die jemand hatte, sondern nur darum, möglichst viele zu
bekommen. In dieser Phase fiel es mir schwer, meinen eigenen
politischen Platz zu finden. Das änderte sich 1993 mit der Gründung
des Vereins der KriegsgegnerInnen in Izmir. Ich war in dem
Freundeskreisderer, die zur ersten Gründungsgruppe gehörten und habe
sie unterstützt. Als der Verein dann geschlossen und 1994 unter leicht
geändertem Namen wieder eröffnet wurde, gehörte ich zur
Gründungsgruppe und war bis zur Auflösung des Vereins im Winter 2001
dabei. Bei den KriegsgegnerInnen hatte ich meinen Platz gefunden.
Seitdem nenne ich mich Antimilitaristin. 

Was motiviert dich zu politischer Arbeit?

Dass wir nicht nur von anderen fordern, sondern bei uns selbst
anfangen. So mühsam das auch ist, erleben wir dort doch die größten
Erfolge. Als aktive AntimilitaristInnen haben wir stets versucht, nach
dem Primat der Gewaltfreiheit zusammen zu arbeiten. Das war gerade in
den ersten Jahren eine große Herausforderung, mussten wir doch mit den
herrschenden Vorstellungen der traditionellen Linken brechen, uns von
der Idee unangreifbarer "Helden" und Führer" verabschiedenund eine
gleichberechtigte Kooperation untereinander entwickeln. Seitdem ist
mir klar, egal wie bekannt einer von uns durch die Arbeit auch werden
mag, wir sind alle Helden, in dem Sinne, dass es Mut und langen Atem
erfordert politisch aktiv zu sein.

Ihr habt viel mit dem Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal
gearbeitet. Welchen Einfluss hatte das auf Eure Arbeit?


Wir haben Formen des Theaters der Unterdrückten sowohl in der
politischen Aktion als auch im Training für uns selbst verwendet.
Unsere Erfahrungen mit dem Theater sind ausnahmslos positiv. Das
Theater der Unterdrückten ist auch heute noch fester Bestandteil
unserer Arbeit. Aktuell planen wir ein Zeitungstheater zum Einsatz
türkischer Soldaten im Irak. Wir werden uns mit Zeitungsausschnitten
behängen und verschiedene Zeitungsmeldungen vorlesen. So entlarven wir
die Lügen von Regierung und Militär, ohne auch nur einen strafbaren
Text zu verwenden. Ein Theater der Unterdrückten hat einen besonders
nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen:Es war während eines
Trainings für Frauen zum Thema sexistische Gewalt gegen Frauen. Die
gespielten Szenen waren von der Realität kaum zu unterscheiden. Das
hat uns alle sehr erschreckt. Das Theater,der geschützte Raum nur
unter Frauen hat uns geholfen, den Schreck in neue Kraft für unseren
Kampf gegen sexistische Diskriminierung und Gewaltumzuwandeln. Nachher
habe ich wieder Anmachen auf der Straße erlebt und konnte mich anders
verhalten. Das empfinde ich als großen Erfolg. Zum gleichen Thema
haben wir auch ein "unsichtbares Theater" nach Boal aufgeführt.
Sicher, wir hätten auch eine Podiumsveranstaltung machen können, aber
damit hätten wir nur die erreicht, die wir immer erreichen. Wir
wollten aber die Leute auf der Straße beeinflussen. Wir haben als
Spielort eine Fähre über die Izmirer Bucht gewählt, weil die Leute
dort zwanzig Minuten Muße haben. Wir haben die Belästigung einer Frau
gespielt und die Reaktion war überwältigend. Die Leute haben
eingegriffen und diskutiert. Am Ende der Fährfahrt haben wir
aufgedeckt, dass die Szene gespielt war. Wir erhielten gerade von den
Frauen viele positive Reaktionen.

Es gibt in Izmir eine Gruppe von TrainerInnen, die zu gewaltfreiem
Handeln arbeiten. Wen sprecht ihr an und was erreicht ihr mit diesen
Trainings?


Wir bieten Trainings zu Grundlagen der Gewaltfreiheit und vor allem
zum Abbau von Vorurteilen an. Zielgruppe sind politisch Aktive in
verschiedenen Organisationen Wir erreichen in der Regel mehr Frauen
als Männer. Unser Ziel ist es, dass die Leute in ihren Organisationen
besser kooperieren. Dazu schlagen wir immer wieder auch andere
Aktionsformen vor. In der Türkei gab es lange Jahre entweder
Demonstrationen und Mahnwachen oder militante Aktionen aus dem
Untergrund. Direkte gewaltfreie Aktion gehörte bis jetzt einfach nicht
zum bekannten Repertoire. Das versuchen wir zu ändern.

Ihr seid Teil der türkischen Linken. Wir hören immer wieder von
Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der politischen Arbeit
in der Türkei. Was war das für dich bisher schlimmste Erlebnis in
diesem Zusammenhang?


Am Schlimmsten war sicher die Schließung des Vereins der
KriegsgegnerInnen. Wir sahen uns nach Jahren der bürokratischen
Schikanen im Winter 2001 leider dazu gezwungen, den Verein zu
schließen. Die Zahl unserer Aktiven hatte über die Jahre stetig
abgenommen. Letztendlich fehlte uns die Kraft, einen Verein zu führen,
weil wir jahrelang unter großem Druck arbeiten mussten: Wir waren in
eine Vielzahl von Prozessen verstrickt und hatten unter anderem
Solidarität mit einem Inhaftierten zu leisten. Auch die Arbeit in der
Gruppe war nicht immer einfach, was normal ist, wenn Menschen so sehr
aufeinander angewiesen sind. Aber immer wieder gab es auch das Gefühl
der Solidarität. Jetzt, wo wir als Gruppe weniger Aktiver arbeiten,
erlebe ich oft eine Einsamkeit und den Wunsch einer Organisation
anzugehören. Seitdem wir keinen Verein mehr haben, hat der Druck von
Seiten des Staates nachgelassen. Die Trainingsarbeit zu Gewaltfreiheit
war von Beginn an nicht von der Repression betroffen, da sie eine
"geschlossene" Veranstaltung ist, die keine direkte öffentliche
Wirkung hat. Als AntimilitaristInnen in Izmir treten wir in unserer
politischen Arbeit oft als Einzelpersonen auf. Das ist möglich, weil
wir in der Linken bekannt sind und die meisten Aktionen in Netzwerken
und Plattformen vieler durchgeführt werden.

Was war in deiner bisherigen politischen Arbeit das schönste Erlebnis?

Ich denke, das Schönste an dieser Arbeit ist, dass ich meine
Persönlichkeit als Antimilitaristin und als Feminstin gefestigt habe.
Jetzt, in der Mitte meines Lebens, herrscht Klarheit über die
grundsätzlichen politischen Fragen des Warum und Wohin. Das ist kein
Erlebnis im engeren Sinne, verleiht aber allen Erlebnissen einen Sinn
und eine Grundlage. Ich mache gerade das, was für mich richtig ist.

Woran arbeitest du aktuell?

Da gibt es zwei große Bereiche: Erstens die Trainings zu gewaltfreiem
Handeln und zweitens die Beteiligung in verschiedenen Bündnissen.
Nachdem unsere Trainingsarbeit räumlich lange auf Izmir begrenzt war,
konnten wir im vergangenen halben Jahr einen türkeiweiten Durchbruch
erzielen. Es hat sich herumgesprochen, dass unsere Trainings die
politische Arbeit positiv beeinflussen, dass wir die Aktiven stärken.
Wir haben Trainings in Istanbul, Ankara, Antalya und
Diyabakirangeboten. Es kamen Anfragen von Universitäten. Derzeit
arbeiten wir an einem Trainingsprogramm für TrainerInnen. Nach einem
doch eher schleppenden Beginn geht es gerade sehr rasant weiter. Grund
für diesen Erfolg ist sicher auch, dass wir die Grundsätze
gewaltfreier Aktion in die verschiedenen Plattformen einfließen
lassen. Ich bin derzeit in der Unabhängigen Fraueninitiative und in
der Koalition zu Globalisierung, Frieden und Gerechtigkeit. Gerade in
der Koalition haben Fragen von gleichberechtigter Teilnahme,
Hierarchie und Konsens einen besonderen Stellenwert. Diese Werte
werden von der internationalen Anti-Globalisierungsbewegung
vorgegeben. Die traditionelle Linke in der Türkei ist aber sehr
hierarchisch. Auf den internationalen Kongressen und Aktionen wußten
dann etliche Aktive nicht, nach welchen Prinzipien gearbeitet wird.
Ein SprecherInnenrat war Ihnen ein Fremdwort und Konsens verstanden
sie als eine anderes Wort für Mehrheitsentscheidung. Wir gehören zu
den Wenigen in der Türkei, die diese wichtigen Techniken vermitteln
können und stoßen endlich auch auf ernsthaftes Interesse.

Welche Bedeutung hat es für dich, von einer Stiftung in Deutschland unterstützt zu werden?

Die Unterstützung gibt mir die Freiheit, mich dort zu engagieren,wo es
mir am sinnvollsten erscheint. Ich arbeite ja auch noch in einem
Buchladen. Die Kombination ist ideal, weil ich im Buchladen für
Veranstaltungen und Lesungen zuständig bin und sich so immer wieder
positive Überschneidungen ergeben. Die Unterstützung macht mich aber
unabhängig und ich kann auch bei meinem sozialen Engagement mehr
riskieren. Leider bekomme ich wenig von der Stiftung als solcher mit
und kenne nur wenige der Menschen, die mich unterstützen. Sehr
wertvoll ist die Zusammenarbeit mit deutschen Organisationen wie dem
Bildungswerk Umbruch, der DFG-VK und Connection e.V..

Was ist Dein größter Wunsch für deine politische Arbeit?

Mir ist Gewaltfreiheit weiter das größte Anliegen. Wir haben uns
langfristig ein ambitioniertesZiel gesetzt: Wir wollen ein Trainings-
und Begegnungszentrum zu Gewaltfreiheit aufbauen. Das ist meine größte
Motivation, mein größter Wunsch - auch wenn er manchmal schier
unmöglich zu erreichen scheint. Mit der Trainingsarbeit, jetzt auch in
anderen Städten, sind wir diesem Ziel aber ein Stück näher gekommen.

Die Fragen stellte Gabi Rohmann, Übersetzung: Jörg Rohwedder
mailto:rohwedder@bewegungsstiftung.de

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