Regionen und Länder

NACHRICHTEN AUS DER TÜRKEIARBEIT DER KURVE WUSTROW NR. 7

Öffentliche Kriegsdienstverweigerung am 15. Mai 2001.

Internationale Unterstützung erbeten.

Yavuz Atan wird nach zehn Jahren als Kriegsdienstverweigerer anlässlich des
15.Mai 2001, dem internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung, erneut
öffentlich verweigern. Die Istanbul Antimilitarist Inisiyatif (IAMI) wird
am gleichen Tag eine Videodokumentation über die Geschichte der
AntimilitaristInnen in der Türkei der Öffentlichkeit präsentieren. Die IAMI
und der Izmirer Verein der KriegsgegnerInnen (ISKD) laden eine
internationale Delegation aus totalen Kriegsdienstverweigerer,
Kriegsveteranen und Deserteueren ein, die Aktion zu unterstützen und über
ihre Erfahrungen zu berichten.

Das folgende Interview mit Yavuz Atan entstand am Rande des regelmässigen
Vernetzungstreffen der antimilitaristischen Gruppen in der Türkei. Es wird
in einer redigierten Fassung in der Zivilcourage (Heft Nr. 2/2001)
erscheinen. Dort finden sich weitere Artikel zum Thema Antimilitarismus und
Feminismus in der Türkei.

"Den Staat aufrecht zu erhalten, ist ein Verbrechen gegen das Leben."

F: Als wir uns vor einem Jahr trafen, war Deine Verfassung nachdenklich und
Du fühltest Dich geschwächt. Wie geht es Dir heute?

Y: Die Gründe, die meine schlechte Verfassung vor einem Jahr verursachten,
sind die gleichen, die das Leben eines jeden Kriegsdienstverweigerers in
der Türkei schwer machen. Unter Repression und der ständigen Androhung von
Strafe zu leben bedeutet, das Du kein stabiles Leben aufbauen kannst. Das
erzeugte ebenso eine Anspannung, wie die damalige Schwäche der
antimilitaristischen und anaristischen Bewegung, eine Leere in mir
erzeugte. Diese Gründe sind nicht vollständig verschwunden, aber ich habe
meine innere Ruhe wieder erlangt und die äusseren Umständen haben nicht
mehr so einen negativen Einfluss auf mich. Trotzdem bleiben sie für mein
Leben bestimmend.

F: Du hast für ein Jahr eine Pause eingelegt und bist zu Freunden auf Land
gezogen. Wie ist es dir dabei ergangen.

Y: Ich habe eigentlich keine Pause eingelegt. Ich habe lediglich Abstand
genommen von dem Leben in der Stadt und den Schmerzen und Fehlern aus
meiner Vergangenheit. Ich bin auch aus der Stadt gegangen, um mich vor den
Aspekten des politischen Lebens zu befreien, die mich von mir entfremdten.
Wenn Du aufs Land gehst, ein Fischernetz einholst, im Garten Gemüse pflanzt
oder einfach durch die Natur gehst, dann kommen politische Themen nicht so
auf die Tagesordnung. Weil Deine Gedanken zur Ruhe kommen, kannst du dich
aus Handlungs- und Denkweisen befreien, die teils von dir selbst herrühren
und die teils von aussen kommen. Indem du weniger Zeit in "künstliche,
substanzlose" Dinge steckst, kannst du dann die wahren Probleme lösen.
Aber ich habe die Verbindung zu meinen Freunden in den Städten und den
gemeinsamen Aktivitäten nicht abreissen lassen. Das ich nach zehn Jahren
meine KDV erneut erkläre, begründet sich auch daraus, dass diese
Beziehungen andauern.

F: Du hattest auch überlegt nach Europa zu gehen.

Y: Vor einem Jahr habe ich wegen der angespannten Situation in der Türkei,
wegen der Schwäche der Bewegung und wegen finanzieller Probleme in Betracht
gezogen, nach Europa ins Exil zu gehen. Aber nachdem ich mich mit alten
Freunden und Weggefährten getroffen hatte, nahm ich langsam Abschied von
dieser Idee. Ich merkte, dass ich mich von den aufgebauten Beziehungen und
meinem Leben hier nicht trennen könnte.
Als ein Anarchist, der mit Menschen lebt, die zwar verschiedene etnische
Wurzeln haben, sich aber weigern, ihre Identität allein danach zu
definieren, und der mit diesen Menschen eine Vorstellung vom Leben und eine
Art die Welt wahrzunehmen teilt, war ich nicht couragiert genug, ein Exil
weiter zu erwägen. Im kulturellen Sinne bin ich ein Mensch, dessen
Auffassung von Freiheit und Moral sich an der östlichen Denktradition
orientiert. Türkisch ist die Sprache, die ich als zweites lernte und heute
kann ich ausser in türkisch in keiner anderen Sprachen locker
kommunizieren. Ginge ich in den Westen, würde ich Widersprüche erleben, die
in mir schizophrene Situationen auslösen könnten. Ausserdem ergab sich die
Möglichkeit, dass ich an der Südküste mein Leben mit Schmuckhandwerk,
Fischerei und Landarbeit fortsetzen kann. Es ist mir daher nicht schwer
gefallen, aufs Exil zu verzichten und ich bin froh darum. Im Hinterkopf
aber bleibt: Obwohl ich keinen Reisepass erhalten kann, habe ich weiter die
Option, die Grenze zu überqueren, falls ich es für nötig erachte.

F: Warum willst Du nach zehn Jahren Deine KDV erneut erklären?

Y: Seit 1991 lebe ich als KDV'er. Damals, zum Ende meines Studiums, habe
ich der Anforderung der Armee nicht entsprochen, an der Einstellungsprüfung
zum Reserveoffizier teilzunehmen. Aus taktischen Gründen erklärte ich erst
1993 öffentlich meine KDV. Als im vergangenen Jahr zum 15. Mai die Freunde
(der IAMI) ihre KDV erklärten, da fragten sie auch mich, ob ich mich nicht
anschliessen wolle. Ausgelöst durch die Anfrage habe ich mich jetzt
entschlossen im zehnten Jahr erneut meine Verweigerung zu deklarieren. Das
hat verschiedene Gründe:
Ich will daran erinnern, dass in der Türkei die Zehnjahresperiode auch
etwas anderes beinhalten kann als einen Militärputsch. Ich will zeigen, das
es in diesem Land entschlossene Menschen gibt, die widerstehen und sich
verweigern und die trotz, der täglich zunehmenden Repression und Tyrannei
bei dieser Entschlossenheit bleiben.
Wenn ich aus irgendeinem Grund Militärdienst gemacht hätte, wäre meine
innere Ruhe und meine Integrität unwiederbringlich zerstört worden. Auch
wenn ich mein Leben mit Schwierigkeiten und unter Bedrohungen fortsetze,
dann fühle ich mich jetzt ruhiger und dass ich zu meiner KDV stehen kann,
lässt mein Selbstvertrauen wachsen. Diese Gefühl möchte ich erklären und
mit anderen teilen. Ausserdem möchte ich die Menschen motivieren, die die
Neigung spüren, Widerstand zu leisten und sich zu verweigern.
Meines Erachtens bedingen die Aufrechterhaltung und Fortdauer des Staates
und des mit ihm verbundenen militärischen Apparates die grössten Verbrechen
gegen das Leben. Ich will erneut erklären, dass ich an diesen Verbrechen
nicht teilhaben werde.
Ich habe meine Seele vor der bedingungslosen Ergebenheit zu einem Gott
bewahrt und ich werde meine Seele auch nicht für ein Paradiesversprechen
und die Annehmlichkeiten der Konformität an den Teufel verkaufen. Ich kann
kein ehrbares Leben führen und in Freiheit leben, in dem ich mich auf
irgendeine Ordnung stütze oder vor ihr die Augen verschliesse, die auf
Ausbeutung und Sklaverei beruht. Ich bin weder Held noch Feigling. Es ist
mein Anspruch, ein Leben zu führen, in einer persönlichen Ganzheit
(Integrität) und in einer Beziehung zum Ganzen, zum Kosmos, ohne jede Form
der Herrschaft. Und ich versuche, diesen Anspruch zu verwirklichen. Das ist
ein Leben das wirklich ist, seine Fehler hat und daher Horizonte eröffnet
statt eines makelosen Lebens mit einer klaren Vorstellungen von Hölle und
Paradies. So ein Leben braucht die Entschlossenheit zum Ungehorsam und eine
wachsende Zahl der Unghorsamen. Meine Aktion soll dafür ein Beispiel geben.


Yavuz Atan, Jahrgang 1965. Studium der Soziologie und
Verwaltungswissenschaft. Gründungsmitglied von ISKD und IAMI. Er lebt von
Schmuckhandwerk, Fischerei und Landarbeiten. "Manchmal" so sagte er
"bekomme ich Geld aus Artikeln, die ich schreibe, manchmal trägt mich die
Solidarität anderer."

Weitere Informationen auf der Seite www.savaskarsitlari.org (türkisch) und
auf www.bundeswehrabschaffen.de (deutsch).

Bestelladresse für die Zivilcourage
DFG-VK Bundesgeschäftsstelle
Schwanenstr. 16
42551 Velbert
Telefax: 02051-4210
Email: zc@dfg-vk.de

Kontakt:
Izmir Savas Karsitlari Dernegi
1468 Sokak No. 6/1Alsancak, Izmir, Türkei
Fon: 0090-232-4642492
Fax: 0090-232-4640842
Email: iskd@operamail.com

Spendenkonto:
KURVE Wustrow, Postbank Hannover, Konto Nr. 556633-309, Postbank Hannover,
BLZ 250 100 30. UNBEDINGT ANGEBEN: STICHWORT TÜRKEI

Das Projekt "Friedensarbeit in der Türkei unterstützen" wird gefördert von:
Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, AGDF; Ausschuss kirchlicher
Weltdienste. AKWD; Bertha von Suttner Stiftung, BINGO!-Umweltlotterie -
Niedersächsische Lottostiftung, DFG-VK in Kiel, Hamburg, Buxtehude und in
den Landesverbänden Hamburg/Schleswig-Holstein und Nie-dersachsen/Bremen,
Bündnis 90 Die Grünen GAL-Hamburg, Hamburger Forum für Völkerver-ständigung
und weltweite Abrüstung, Hans-Böckler-Stiftung, ikm Ham-burg, junge
gemeinschaft Hamburg, NIWANO Peace Foundation, Regenbogen - Für eine neue
Linke, Quäker-Hilfe, Stiftung Gewaltfreies Leben sowie vielen
Einzelpersonen.
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Informationen und Ansichten aus dem Projekt Friedensarbeit
in der Tuerkei unterstuetzen.
Fragen an: ankajoe3@hotmail.com