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NACHRICHTEN AUS DER TÜRKEIARBEIT DER KURVE WUSTROW NR. 8

"Verweigere 1111" - "Ret binyüzonbir"

Die Videodokumentation "Verweigere 1111" wurde anlässlich des
internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung (KDV) am 15.Mai in
Istanbul vor 120 Zuschauern das erste Mal gezeigt. In dem Film wird die
inzwischen zehnjährige Geschichte der Kriegsdienstverweigerung in der Tükei
mit ihren vielen Facetten vorgestellt. Die KDV-Bewegung in der Türkei wird
in die mehrhundert jährige Geschichte der KDV eingeordnet. Neben den
Kriegsdienstverweigerer selbst kommen solidarische AktivistInnen aus dem
In- und Ausland zu Wort. Ein Video, das informiert und -was wichtiger ist-
das Mut macht. Ein Video, das die vielen kleinen, aber doch bedeutenden
Schritte von mutigen Menschen zeigt und das, was sie bisher erreichen
konnten.

Mit dem Titel ihrer Videodokumentation "Verweigere 1111" haben die
AntimilitaristInnen in der Türkei ein neues Stichwort in die Debatte der
türkischen Linken eingebracht. Der Artikel 1111 sieht die Wehrpflicht für
alle Türken vor. Bisher war es der türkische Staat, der definierte, welchen
Vergehens sich die Kriegsdienstverweigerer schuldig machen, wenn sie sich
öffentlich verweigern. Es war der Artikel 155 Strafgesetzbuch, der bis zu
drei Jahren Strafen für diejenigen vorsieht, die "das Volk vom Militär
distanzieren". "Verweigere 1111" stellt hingegen in den Mittelpunkt, dass
Kriegsdienstverweigerer zivilen Ungehorsam gegen die Wehrpflicht leisten.
Es thematisiert damit die Wehrpflicht als einen Eingriff in die
Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen.

Veranstaltungsreihe zum Militarismus. Interventionen der Polizei.

In Ankara, Istanbul und Izmir gab es eine Reihe von Veranstaltungen
anlässlich des internationalen Tages der Kriegsdienstverweigerung. Immer
war die Polizei beobachtend dabei. Konnten in Ankara und Istanbul alle
Veranstaltungen trotz der Polizeipräzens erfolgreich durchgeführt werden,
wurde in Izmir eine Verantstaltung abgesagt, weil die Polizei über das
übliche Mass hinaus einzelne Gäste der Veranstaltung filmen wollte. Die
Polizeipräsenz verhinderte auch, dass Kriegsdienstverweigerungen öffentlich
erklärt wurden.

Die Themen der Veranstaltungen reichte von "Geschlechtsidentität und
Militarismus" über die "Verbindung von Hungerstreik und Militarismus" zu
"Kriegsdienstverweigerung" und den "Erfahrungen des Vietnamveteranen Greg
Payton". Es zeigte sich erstmals so öffentlich, dass Antimilitarismus auch
in der Türkei mehr Dimensionen hat, als die bisherige thematische
Konzentration auf das Recht auf Kriegsdienstverweigererung. In einer ersten
Auswertung wurde neben der thematischen Vielfalt von allen Seiten vor allem
die gute Zusammenarbeit gelobt, die aus der inzwischen eineinhalbjährigen
kontinuierlichen Netzwerkarbeit resultiert.

Vietnamveteran berichtet von seinen Erfahrungen

Greg Payton konnte als afro-amerikanischer Soldat im Vietnamkrieg in den
Jahren `67 - `68 authentisch von seinen Erfahrungen berichten. In ingesamt
vier öffentlichen Veranstaltungen schilderte Greg Payton die Wirkung der
ersten Kriegstage:
Wir kamen nach Vietnam als die TET Offensive begann, also in der Zeit der
schwersten Kämpfe. Wir wurde nach wenigen Tagen an die Front geschickt. In
unserer Gruppe war ein sehr religiöser Soldat, der täglich in der Bibel
las. Er versuchte auch, uns vorzulesen. Das war uns lästig und wir mieden
ihn. Als wir die erste Nacht an die Front gingen, kamen wir durch eine
Lichtung. Auf der Lichtung lagen Leichen von GI`s, die wir im Mondlicht
erkennen konnten. Wir mussten über diese Leichen steigen. Ich bemerkte, wie
der Mann mit der Bibel sein Magazin nahm und seine Waffe durchlud. Das war
verboten. Ohne ausdrücklichen Befehl durfte eine Waffe nicht geladen
werden.
Später begann das Schiessen und es war, als würde es Kugeln regnen. Ich
musste mir immer wieder sagen:"Das ist real. Das ist real. Das ist kein
Training". Das Schiessen hörte nicht auf. Es dauerte nicht 30 und nicht 45
Minuten. Es dauerte Stunden. Wie ich später erfuhr, nahm der Mann nach
dieser Nacht seine Bibel und warf sie weg. Ich erzähle diese Geschichte, um
zu zeigen, was die Angst aus uns Menschen macht. Und auch um zu zeigen,
dass das Militär uns jungen Menschen in weniger als vier Monaten unsere
friedliche Persönlichkeit raubte, um uns in den Krieg schicken zu können."

Nach drei Monaten Fronteinsatz wurde die Einheit abgelöst und in der Etappe
fand Greg Payton Zeit nachzudenken. Er bemerkte die rassistische
Arbeitsteilung in der Armee, die den Schwarzen die schwere Drecksarbeit und
den Weissen den Bürodienst zuwies. Um nicht weiter am Krieg teilnehmen zu
müssen, verweigerte er Befehle und desertierte schliesslich. Nach zwei
Monate, die er bei einer vietnamesischen Familie gelebt hatte, wurde er
aufgegriffen und kam ins Militärgefängnis in Vietnam.

Nach einer Gesamtdienstzeit von 14 Monaten wurde er unehrenhaft aus der
Armee entlassen und in die USA zurückgebracht. Als ich in die Armee kam,
hatte ich keine politischen Ideen. Das war auch so, als ich wiederkam und
ich hatte erwartet, die Menschen würden mich dankbar und mit offenen Armen
empfangen. Ich wollte vom Flughafen nach Hause trampen und dachte, das
würde leicht sein, da ich Uniform trug. Ich stellte mich also an die
Strasse. Es war Neujahrsmorgen und ich wollte sehnlichst zu meiner Familie.
Eines der ersten Autos versuchte dann, mich zu überfahren. Das war ein
Schock. Ich musste erfahren, dass uns die vornehmlich weisse
Friedensbewegung als Mörder und Schlächter betrachtete und ein grosser Teil
der Bevölkerung als Verlierer."

Greg Payton versuchte in ein "normales" Leben zurück zu kehren und den
Krieg zu vergessen. Er nahm weiter Drogen. Erst Haschisch später Heroin. 13
Jahre gelang ihm als Drogenabhängiger ein Leben in Normalität. Er
heiratete, wurde Vater und hatte einen Job. Dann begann der typische
Drogenabstieg und Greg Payton landete auf der Strasse. 16 Jahre nachdem er
aus Vietnam zurückgekehrt war, war er ein Junkie und wollte sich das Leben
nehmen. Der Selbstmordversuch misslang und ein Vietnamveteran nahm sich
seiner an. Erst mit der Rehabilitation wuchs sein politisches Verständnis
und er begann von seinen Erfahrungen zu berichten. Greg Payton reiste nach
Südafrika, nach Bosnien, Serbien und Kroatien, er traf sich mit Veteranen
des ehemaligen Feindes in Vietnam und kam hierher in die Türkei. "Die
Erfahrungen von Veteranen gleichen sich in allen Ländern und so bin ich
hierher gekommen, um Erfahrungen zu teilen."

Mit Greg Payton erreichten die antimilitaristischen Gruppen
Medienaufmerksamkeit. Die angesehene, kemalistische Tageszeitung Cumhuriyet
berichtet gleich zweimal über die Veranstaltungen und es ist anzunehmen,
dass die Berichterstattung das unverhältnismässige Vorgehen der Polizei vor
der letzten Veranstaltung in Izmir begründete.

Weitere Informationen auf der Seite www.savaskarsitlari.org (türkisch) und
auf www.bundeswehrabschaffen.de (deutsch).

Adresse:
Izmir Savas Karsitlari Dernegi
1468 Sokak No. 6/1Alsancak, Izmir, Türkei
Fon: 0090-232-4642492
Fax: 0090-232-4640842
Email: iskd@operamail.com (türkisch, deutsch, englisch)

Spendenkonto:
KURVE Wustrow, Postbank Hannover, Konto Nr. 556633-309, Postbank Hannover,
BLZ 250 100 30. UNBEDINGT ANGEBEN: STICHWORT TÜRKEI

Das Projekt "Friedensarbeit in der Türkei unterstützen" wird gefördert von:
Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, AGDF; Ausschuss kirchlicher
Weltdienste. AKWD; Bertha von Suttner Stiftung, BINGO!-Umweltlotterie -
Niedersächsische Lottostiftung, DFG-VK in Kiel, Hamburg, Buxtehude und in
den Landesverbänden Hamburg/Schleswig-Holstein und Nie-dersachsen/Bremen,
Bündnis 90 Die Grünen GAL-Hamburg, Hamburger Forum für Völkerver-ständigung
und weltweite Abrüstung, Hans-Böckler-Stiftung, ikm Ham-burg, junge
gemeinschaft Hamburg, NIWANO Peace Foundation, Regenbogen - Für eine neue
Linke, Quäker-Hilfe, Stiftung Gewaltfreies Leben sowie vielen
Einzelpersonen.

Die Arbeit der türkischen AntimilitaristInnen wird z.Zt. gefördert von:
Aktion Selbstbesteuerung, Bewegungsstiftung, Connection e.V., DFG-VK
Bundesverband, Landesverband Hessen und Gruppen Frankfurt und Berlin,
DFG-VK Bildungswerk NRW, Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und
Militär, patchwork, Stiftung Papst Giovanni der 23. (I), Study Center on
Turkey (NL), Union Pacifiste (F), overal (NL), War Resisters` International
(GB), xminy (NL) und vielen Einzelpersonen in Deutschland, Grossbritannien
und den Niederlanden.
-
Informationen und Ansichten aus dem Projekt Friedensarbeit
in der Tuerkei unterstuetzen.
Fragen an: ankajoe3@hotmail.com

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Zuletzt geändert: 09.07.2006