Regionen und Länder

"Unter dem Krieg leiden ganz besonders die Frauen" - Bericht über die Frauentage in Izmir (November 1999)

Die Frauenaktionstage sind ein Notprogramm gewesen: Auf einem Strategieseminar im Sommer `98 entstand der Plan, einen grossen internationalen Frauenkongress "Frauen und Gewalt im interkulturellen Vergleich" zu veranstalten. Nachdem wir ein Jahr lang versuchten, dieses Projekt auf die Beine zu stellen, mussten wir feststellen, dass wir den Kongress verschieben müssen. Dazu haben die schlechten Arbeitsbedingungen, die schwierige Kommunikation in drei Sprachen und die fehlende Finanzierung beigetragen. Stattdessen organisierten wir in aller Schnelle eine Frauenwoche, in der wir sowohl die bisherige Zusammenarbeit ausgewertet und überlegt haben, wie wir weiterarbeiten wollen, als auch angefangen haben, das Thema zu bearbeiten. Letzteres war für die Motivation extrem wichtig, da die einjährige ergebnislose Organisationsarbeit viel Energie gekostet hat.

Teilgenommen haben von türkischer Seite aus Frauen unserer Partnerorganisation, dem Izmir Savas Karsitlari Dernegi (ISKD) - Verein der KriegsgegnerInnen in Izmir, und von deutscher/kurdischer Seite Frauen der Kurve Wustrow, des Bildungswerkes der DFG-VK in Dortmund und vom IPPNW. Bereits das Atomspiel zum Kennenlernen war interessant. Eine einfache Frage wie "Wie lebst du?" ("nasil yasiyorsun?") rief unterschiedliche Reaktionen hervor: eine deutsche Teilnehmerin rief spontan "cok güzel!" (sehr schön) worauf eine türkische ebenso spontan sagte: "cok zor!" (sehr schwer). Während erstere zwar nicht sorgenlos reich ist, aber dennoch ihre Arbeit und Wohnsituation beeinflussen kann, ist letztere darauf angewiesen, eine wie sie sagt, extrem langweilige Arbeit in einem Buchladen zu machen (tägl. 9-11- Std., ein Tag in der Woche ist frei). Selbst diese Arbeit reicht kaum zum Leben. Und Urlaub hatte sie das letzte Mal vor sieben Monaten: eine Woche lang. Die Frage, "Wie bist du zur politischen Arbeit gekommen?" offenbarte einerseits ähnliche Erfahrungen der deutschen und türkischen Teilnehmerinnen, z.B. über persönliche Kontakte.

Teilweise berichteten türkische Teilnehmerinnen auch von dramatischen Erlebnissen, wie von der sechstägigen Festnahme durch die Polizei. Die Frau, der dieses wiederfuhr, gehörte in der Universität einer Gruppe an, die politisch aktiv war, und dessen zentrales Mitglied wegen dieser politischen Aktivitäten ermordet wurde. Die abschreckende Wirkung dieser Festnahme hielt einige Zeit an, bis sie den Verein kennenlernte.

Fast alle Frauen, zu denen wir in dieser Woche Kontakt hatten, können von ähnlichen Terror -Erlebnissen mit der Polizei berichten. Aber dennoch machen sie weiter und wirkten sehr stark. Während unseres Besuches bei der Menschenrechtsstiftung - dort werden Folteropfer untersucht und beraten - sprachen wir mit einer Ärztin, die seit acht Jahren dort arbeitet. Sie selbst zeigte sich verwundert darüber, dass sie schon so lange dabei ist. Denn als sie die Arbeit aufnahmen, rechneten sie damit, nach einem halben Jahr verhaftet zu werden. Auf die Frage, wie sie die Kraft hat, trotz der vielen und oftmals hoffnungslosen Leidensgeschichten, immer noch weiterzuarbeiten, berichtete sie, dass in der Stiftung über die Anzeichen von burn-out aufgeklärt wird und die MitarbeiterInnen diese Anzeichen versuchen, ernstzunehmen. Eine nicht-hierarchische Struktur trägt zu einem guten Arbeitsklima bei und die MitarbeiterInnen kennen einander ihre schwachen Punkte. Wenn sie bspw. eine Beratung mit einem jugendlichen Folteropfer hatte, was sie "nicht tragen kann", hilft ihr danach eine andere MitarbeiterIn das Geschehene zu verarbeiten.

Eine Frau des Menschenrechtsvereins in Izmir, sie ist jung, ca. 25 Jahre alt, erzählt, dass die Gewalt im Osten der Türkei, wo sie herkommt, einfach nicht zu beschreiben sei und viele ihrer Freundinnen Opfer von sexueller Gewalt wurden. Dieses Wissen und die Erfahrungen geben ihr Kraft, für die Menschenrechte zu kämpfen. Eine ähnliche Motivation, wie sie selbst antreibt, analysiert sie vor allem für Frauen, die den Krieg und die Gewalt miterlebt haben.

Dennoch wirken die Frauen nicht verbittert oder hasserfüllt. Im Gegenteil. Sie strahlen Lebensfreude aus. Wie gut und bereichernd wäre es, mit solchen Freundinnen einfach in Frieden leben zu können.

Neben den neugeschaffenen und vertieften persönlichen Kontakten, ist ein Ergebnis der Woche ein fünftägiges deutsch-türkisch-kurdisches Seminar, das im Juni stattfinden wird. Das Thema wurde gemeinsam erarbeitet: " Frauen in antimilitaristischen Organisationen: interkultureller Vergleich und Erfahrungsaustausch." Wir werden die Zusammenarbeit mit Männern (und Frauen) in unseren Gruppen vergleichen, austauschen, wie wir Situationen analysieren und in ihnen agieren. Vorrang hat jetzt die gemeinsame inhaltliche Auseinandersetzung. Aber auch die Kongressidee haben wir noch nicht aufgegeben!