Bundeswehr abschaffen

- ULUS - Offenes Kriegsatelier

von Mikael Witte. (Übersetzung aus dem Dänischen von Ralf Cüppers)

In regelmäßigen Abständen schreiben Kunstkritiker, daß es da nun wieder einen Künstler gibt, der sich eine ganz neue Art ausgedacht hat, Bilder zu schaffen. Ein Bildkünstler, der den alten Wein der Ästhetik in neue Flaschen füllt. Das Spiel mit Form und Farbe fügt eine weitere kleine Neuheit zur ständig fortschreitenden Stilveränderung der Kunst hinzu.

Die Werke verändern sich, aber das Erlebnis der Schönheit durch die virtuose Behandlung des Materials frei von hemmendem Nutzaspekt besteht ohne Änderung. Nur der, der diese Oberflächen-Erneuerung für etwas Wirkliches ansieht, traut sich, von Stilgeschichte zu sprechen. Andere werden die Veränderung des Stils als eine Pseudoerneuerung bezeichnen. Ein simples Aufrechterhalten des Status quo durch beständige Veränderung.

Faktisch findet sich nur eine wirkliche Neuheit in der Kunst, und das ist die Aufhebung der Kunst. Die Erneuerung, die endlich die Reihe oberflächlicher Neuheiten stoppt und die Kunst aus der ästhetischen Betrachtungsweise herausholt. Der Weg von der Kunst zurück zu den Bildern, die als nützliche Werkzeuge gebraucht werden können. Von faszinierenden Kunstbildern zu Gebrauchsbildern, schlicht und einfach. Von Bildern, mit denen wir uns vollstopfen, so daß wir blind und betäubt werden, hin zu Bildern, die uns den Schleier von den Augen reißen und uns wieder dazu bringen, daß wir sehen können.

Die Ausstellung ULUS - Offenes Kriegsatelier steht in diesem Spannungsfeld. Hier werden fünfzig Bilder gezeigt, die in die verschiedensten Stilarten eingeteilt werden können: Symbolismus, Expressionismus und abstrakter Expressionismus, Konkretismus, Popart, Minimalismus und Installationsdokumentarismus. Das klingt nach einer Ausstellung wie ein Sammelsurium.

Und doch haben die ausgestellten Werke eine Gemeinsamkeit, daß sie von jugoslawischen Künstlern geschaffen wurden, also eine Nationalausstellung, genauso, als wenn es eine Präsentation bolivianischer oder ugandischer Kunst wäre. Die Ausstellung wurde vom Serbischen Kulturministerium, vom Belgrader Kulturbüro und von Serbiens Institut für internationale Zusammenarbeit unterstützt, also eine staatlich geförderte Propagandaausstellung, genauso wie die Sowjetunion oder Dänemark Künstler unterstützt hat. Und die Werke sind alle gleichzeitig in der Gegenwart entstanden, also eine Ausstellung, die man auf neudänisch „contemporary art“ nennt.

Aber so einfach kann man diese Ausstellung nicht beschreiben. Faktisch steht hier mehr auf dem Spiel. Die ausgestellten 50 Werke sind ein Ausschnitt von dem, was 200 jugoslawische Künstler in der Zeit von März bis Juni 1999 geschaffen haben. Geschaffen, in einem offenen Atelier auf der Straße, sichtbar für jeden, von unten von den Bürgern der Stadt, von oben von Flugzeugen aus, ein Riesenengel mit Kreide auf der grünen Wiese gezeichnet.

Unter den Künstlern waren sowohl Regierungsanhänger als auch Oppositionelle, aber sie hatten das gemeinsam: die Aktion war Teil des Widerstand gegen den Krieg mit Kunst und Kultur.

Es ist eine Antikriegsausstellung. Eine Ausstellung, die sich gegen die NATO richtet, die am 24. März 1999 entschied, Jugoslawien anzugreifen: Mit einem Hagel von Cruise missiles und computergesteuerten Bomben füllte die NATO ihre Kriegsdrohung mit Leben, vielmehr setzte sie sich über das Leben hinweg.

Der Krieg löste keine Probleme. Im Gegenteil, er vergrößerte sie. Die NATO hatte in Rambouillet in Frankreich Jugoslawien mit Krieg bedroht. Wenn Jugoslawien das Abkommen, das hier diktiert wurde, nicht unterschreibt, so wird das Land bombardiert. Jugoslawien sagte ja, aber die Kosovoalbaner sagten nein. Nach einem Pausengespräch und zweiter Verhandlungsrunde sagten die Kosovoalbaner ja. Aber nun sagten die Jugoslawen nein. Damals war das Verwirrung. Aber heute wissen wir, daß in Rambouillet in Frankreich überhaupt nicht verhandelt wurde. Heute wissen wir, daß die Großmächte sich mit Drohungen durchsetzten und wir wissen, daß die NATO das Recht forderte, den Kosovo zu besetzen und - das ist der sogenannte Appendix B im Abkommen - das Recht forderte, in ganz Jugoslawien Manöver abzuhalten. Sonst will die NATO bomben. Und das geschah bekanntlich seit dem 24. März.

Artikel 1 des NATO-Vertrages lautet: „Die Partner verpflichten sich in Übereinstimmung mit der Satzung der Vereinten Nationen jeden zwischenstaatlichen Streitfall, an dem sie beteiligt sind, auf friedlichem Wege so zu regeln, daß der internationale Frieden, die Sicherheit und Gerechtigkeit nicht gefährdet werden, und sich in ihren internationalen Beziehungen jeder Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung zu enthalten, die mit den Zielen der Vereinten Nationen nicht vereinbar ist.“

Und die Satzung der Vereinten Nationen; Artikel 2 Absatz 4 lautet: „Alle Mitglieder sollen sich in ihren internationalen Beziehungen jeder Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung enthalten, die sich gegen die territoriale Integrität oder die politische Unabhängigkeit eines Staates richtet oder auf andere Weise unvereinbar mit den Zielen der Vereinten Nationen ist.“

Die NATO hat also nicht nur ihren eigenen Vertrag verletzt, sondern auch das Verbot der Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung der Satzung der Vereinten Nationen übertreten, als sie ihren Hagel des Todes über die Menschen in Jugoslawien schickte. Dieses Verbrechen an der Menschheit und gegen das internationale System, das die Menschheit beschützen soll, wurde beschlossen von den Politikern der NATO-Länder, aus den USA, aus Großbritannien, und auch von Dänemark. Diese Verbrechen an der Menschheit wurden ausgeführt von den Piloten der NATO-Länder, aus den USA, aus Großbritannien, und auch von Dänemark. Natürlich haben die Staatschefs, Regierungschefs und die meisten Chefredakteure in den angreifenden NATO-Ländern zurückgewiesen, daß es da völkerrechtliche Probleme gäbe. Man habe sich selbst das Mandat gegeben, sagten sie ohne zu Zögern. Die Bevölkerungen sollten beruhigt werden, so unterstützten sie die Politik der NATO.

Erst als die Angriffe gestoppt waren, gerade nun vor einem Jahr, als Journalisten hervortraten und erklärten, daß sie auf den freundliche lächelnden Pressekonferenzen der NATO hinters Licht geführt worden sind, begannen einige, darüber nachzudenken, was da eigentlich geschehen war. Dort und hier. Am 7. Dezember 1999 veröffentlichte daß dänische Außenpolitische Institut DUPI seinen Bericht: „Humanitäre Intervention. Rechtliche und politische Aspekte“. Die staatlich finanzierten Wissenschaftler zogen den Schluß: Der NATO-Angriff auf Jugoslawien war eindeutig völkerrechtswidrig.

Der Seniorforscher Bjørn Møller vom Center für Friedens- und Konfliktforschung der Universität Kopenhagen erklärte, daß der Krieg der NATO, der bedeutende negative Konsequenzen für das Völkerrecht und für das System der Vereinten Nationen hatte, ein komplettes Fiasko war.

Außenminister Helveg Petersen sprach aus: „Ich fühlte mich sehr wohl beim Lesen dieses Berichtes.“ Sich sehr wohl fühlen bei einem klaren Bruch des Völkerrechts, Herr Außenminister?

Es ist eine Tatsache, daß dem Kosovo 1989 seine Autonomie weggenommen wurde. Eine Tatsache, daß die Serben im Kosovo „ethnische Säuberungen“ durchführten. Eine Tatsache, daß sich seit Mitte der achtziger Jahren die nationalistischen Zusammenstöße häuften.

Es ist auch eine Tatsache, daß sich Jugoslawien große Geldbeträge von der Weltbank lieh, die im Gegenzug dafür die Einführung der Marktwirtschaft verlangte. Diese Forderung nach Einführung der Marktwirtschaft hat dazu beigetragen, das Gleichgewicht zwischen den nationalen Gruppen in Jugoslawien zu zerstören und die nationalistischen Bewegungen hervorzurufen. Und so war das nicht nur eine ökonomische Krise, sondern auch eine politische Krise, die Jugoslawien zerschmettern konnte.

Gleichermaßen ist es eine Tatsache, daß Deutschland im Sommer 1991 eine rasche Anerkennung dieses Nationalismus verlangt hat und daß Dänemark dieses unterstützte. So wurden Slowenien und Kroatien selbständig und der jugoslawische Bürgerkrieg Realität. Und Dänemark war mitverantwortlich. Es ist eine Tatsache, daß Bosniens Parlament im Februar 1992 auf ungültige Weise die Unabhängigkeit des Landes beschloß. Dennoch anerkannte die Europäische Gemeinschaft sofort Bosnien als einen souveränen Staat, wonach der Bürgerkrieg beginnen konnte.

Es ist eine Tatsache, daß die Anzahl der Flüchtlinge im Kosovo nach dem Angriff der NATO auf Jugoslawien verdreifacht hat. Die Pläne dafür, wie man die Kosovoalbaner vertreiben sollte, wurden in Belgrad gemacht, aber der NATO-Angriff hat die Verfolgung vergrößert. Belgrad führte seine Massenvertreibungen durch, weil die NATO unter allen Umständen gebombt hätte. Und es ist eine Tatsache, daß die NATO auf diesen Flüchtlingsstrom nicht vorbereitet war und daß die NATO weder Zelte, noch Essen und Wasser bereithielt für die, die um ihr Leben liefen. Das war eine humanitäre Katastrophe.

Vor einem Jahr protestierten wir nicht nur gegen den Krieg der NATO gegen die Menschen in Serbien und im Kosovo. Wir protestierten auch gegen den Krieg der NATO gegen uns in den kriegführenden Ländern. Dagegen, daß der Kriegsgedanke unsere Hirne und Herzen eroberte, so daß wir vergaßen, daß es andere Lösungen gibt als Krieg. Wir protestierten auch gegen die mangelnde Unterstützung der demokratischen Opposition in Serbien. Auch wenn sie durch den Krieg stark angeschlagen war, so gab es sie doch. Es gab kleine Medien, die niemals auf großes Interesse bei den westlichen Politikern und Medien trafen. Und es gab Netzwerke, wo sich ganz außergewöhnliche Menschen zusammenfanden, weil das Mut und hellen Verstand erfordert, auf Frieden zu bestehen, wenn erst die Kriegstrommeln poltern und der Weltuntergang tost. Es gab eine Frauengruppe „Frauen in Schwarz“, die der Unterdrückung der Menschenrechte der Kosovoalbaner durch die serbische Regierung eine Absage erteilten und deshalb von dem ultranationalistischen Vizepräsident Serbiens, Šešelj zu Landesverräter ausgerufen wurden. Die Gruppe wurde von den zahlreichen westlichen „Friedensmissionen“ im Großen und Ganzen ignoriert.

Es gab Musiker, die auf den Donaubrücken spielten, was Massen an Zuhörern anzog, um die Brücken gegen den NATO-Angriff zu beschützen. Bekanntermaßen wurden viele Brücken dennoch bombardiert.

Und es gab ULUS, den Zusammenschluß der bildenden Künstler Serbiens. Unmittelbar nach dem Angriff der NATO am 24. März entschloß sich ULUS zu Aktionen gegen den Krieg mit den Mitteln von Kunst und Kultur. Am vierten Tag des Angriffs erklärten die Künstler, sie werden ihre künstlerische Arbeit fortsetzen und ULUS forderte seine Mitglieder auf, am siebten Tag vor dem Künstlerpavillon der Stadt zu demonstrieren. Das offene Kriegsatelier war Wirklichkeit und jeden Tag um 12.00 Uhr rückten die Künstler aus ihren Ateliers, Kellern und Küchen oder wo die Künstler sonst noch arbeiten, aus, um unter offenem Himmel Kunst zu schaffen. Die mehr als 200 Künstler, die sich der Aktion angeschlossen hatten, nannten dies „Mit Kunst gegen Bomben.“ Sie wollten sich nicht eingeschüchtert zurückziehen, und nach dem Krieg stellten sie ihre Werke aus als Dokumente ihrer Angst. Sie wollten offen malen, provozierend unangefochten von all dem militärischen Schrott..

Auch wenn die Ausstellung von offizieller serbischer Seite unterstützt wurde, handelt es sich keineswegs um offizielle Kriegskunst. Hier gibt es keine Heldengeschichte, keinen Heroismus, keine Kriegerdenkmäler und keine Sentimentalität. Hier sind Bilder von einer Stadt und ihren Bewohnern, die bombardiert wurden von unseren Söhnen in unseren Flugzeugen. Hier sind Bilder von den Werkstätten der Kunst für Nachbarn, Freunde und Bekannte. Hier gibt es gewiß keine neuen künstlerischen Erfiindungen, keine neuen „ismen“ aber hier haben 200 Künstler der Welt gezeigt, wofür sie leben: um zu schaffen.

Nordahl Grieg schrieb 1936 in seinem Gedicht:

Kringsatt af fiender

Krig er forakt for liv

Fred er å skape

Kast dine krefter inn:

Døden skal tape.

Von Feinden umzingelt

Krieg heißt Verachtung für das Leben.

Frieden heißt, zu schaffen.

Setze Deine Kräfte ein:

Der Tod muß verlieren.

Die Künstler haben den Bürgern Belgrads Mut gegeben und ein kleines bißchen Freude, haben ihnen wieder gezeigt, daß es andere Antworten gibt als die ferngesteuerten Raketen der NATO und Miloševics Kadavergehorsam. Sie beantworteten Gewalt mit Gewaltlosigkeit. Im Dunkel der Nacht war diese Künstleraktion ein Aufschrei gegen den Krieg, ein Bitte um Frieden, eine Hoffnung auf das Leben.